Kolumne zu Großbritannien Über Gummistiefel im Pub und ein Land in der Krise

Auf manchen Schafweiden tragen die Lämmer Überzüge zum Schutz vor Unterkühlung Foto: imago/Mint Images

Klimawandel, krankendes Gesundheitssystem und anstehende Wahlen – der Blick nach Großbritannien zeigt: Es geht alles noch schlimmer, meint unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek.

Die Farmerin sagt kopfschüttelnd: „Ich weiß nicht, warum sie sich so zieren.“ Sie deutet auf ihre zotteligen walisischen Schafe. „Sie hätten schon längst lammen sollen. Wahrscheinlich ist es ihnen zu nass.“ Kugelrund sind die Bäuche der Mutterschafe, meist bringen sie zwei Jungtiere zur Welt. Aber dieses Jahr sind sie spät dran. Nur ein paar wenige Lämmer tollen über die schlammige Weide. „Sie sind total süß, nicht wahr?“ Selbst die gestandene Farmerin, die in ihrem Leben wahrscheinlich schon Tausende neugeborener Schäflein gesehen hat, scheint dem Charme der tiefschwarzen wolligen Lämmchen zu erliegen. „Es sind gute Lämmer“, ergänzt sie stolz. „Und die Welsh Mountain sind gute Mütter.“ Dann nickt sie mir zu und watet in ihren Gummistiefeln durch den Schlamm zurück in den Stall.

 

Durch den Klimawandel regnet es nun noch mehr

Gummistiefel, schlammüberzogen, sind das Schuhwerk der Saison, man trägt sie auch im Pub. Nicht als modisches Statement, sondern aus pragmatischen Gründen. Und pragmatisch sind sie, die Briten. Very matter of fact. Was soll man denn machen, wenn alles unter Wasser steht? Äcker, Landstraßen, Wanderwege, die oft über Schafweiden führen: eine einzige Schlammschlacht. Nur gut, dass der Duke of Wellington die Gummistiefel, die „Wellies“, erfunden hat. Es ist ja nun nichts Neues, dass es in Großbritannien viel regnet. Doch bedingt durch den Klimawandel werden zwar die Sommermonate heißer und trockener, dafür regnet es in den Wintermonaten mehr. Auf manchen Schafweiden tragen die Lämmer Plastiküberzüge zum Schutz vor Unterkühlung.

Großbritannien ist auf den Klimawandel nicht gut vorbereitet. Die konservative Regierung unter Rishi Sunak interessiert sich kein bisschen dafür. Hier geht es vor allem darum, um im Bild zu bleiben, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Der Premier besitzt mehr Vermögen als sein König. Doch selbst die genügsamen Briten, denen Margret Thatcher das Protestieren abgewöhnt hat, scheinen allmählich die Geduld zu verlieren. In der zweiten Jahreshälfte soll gewählt werden, und es mehren sich die Stimmen, die einen Politikwechsel zugunsten der Labour-Partei vorhersagen.

Es geht alles noch schlimmer

Wer in Deutschland auf die Politik oder das Gesundheitssystem schimpft, dem sei gesagt: Es geht alles noch viel schlimmer. Der Brexit treibt die Lebensmittelpreise in die Höhe und hat medizinische Fachkräfte vergrault. Das Gesundheitssystem NHS ist längst von der Krise in die Katastrophe geschlittert. Mehr als 200 000 Krebspatienten warten seit 2020 auf eine Operation oder Chemotherapie. Ein König oder eine Prinzessin muss sich mit solchen Problemen nicht herumschlagen! Die Deutsche Bahn wiederum könnte von den britischen Kollegen lernen: Als auf einer Bahnfahrt die Toiletten ausfallen, hält der Zug am nächsten Bahnhof fünf Minuten länger, damit die Reisenden dort auf die Toilette gehen können.

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