Zum Adelsempfang von Winfried Kretschmann Wo Etikette eine große Rolle spielt

Von Uwe Bogen 

Zum Adelsempfang von Winfried Kretschmann sind viele Blaublüter des Landes gekommen. Unser Kolumnist Uwe Bogen hat sich im Neuen Schloss umgehört, wie sich der Adel heute sieht.

Die Schauspielerin  und frühere MTV-Moderatorin Kimsy von Reischach mit ihrer Schwester beim Adelsempfang des Ministerpräsidenten. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 7 Bilder
Die Schauspielerin und frühere MTV-Moderatorin Kimsy von Reischach mit ihrer Schwester beim Adelsempfang des Ministerpräsidenten. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Schrill pfeift’s, da Winfried Kretschmann im Marmorsaal des Neuen Schlosses dem Adel seine Ehre erweisen will. Nein, es sind keine Demonstranten mit Trillerpfeifen unten im Ehrenhof aufgezogen. Man hätte sich nicht darüber gewundert nach der heftigen Kritik, die der Ministerpräsident von der SPD bis zur selber adligen Jutta Ditfurth („In den Bauernkriegen hat der Adel die Besitztümer an sich gerafft“) wegen seiner Einladung an 70 Blaublüter des Landes einstecken musste.

Schrill pfeift’s nicht vom Hofe hoch, sondern aus den Lautsprechern. Kurz wartet der Grüne und schaut gnädig zu den nervösen Technikern rüber. Dann aber, da die Rückkoppelung nicht verschwinden mag, greift er durch. Energisch zieht Kretschmann die Mikrofone weg, um ohne Verstärkung zum Volke zu sprechen. Ja, auch der Adel ist seit fast 100 Jahren „nur“ noch Volk und steht nicht mehr über diesem.

Oft sei er gefragt worden, setzt der MP lächelnd an, mit welchem Hintergedanken er Vertreter des Adelsgeschlechts eingeladen habe. „Es gibt keinen“, beteuert er.

Kretschmann ist „ein in der Wolle gefärbter Republikaner“

Zwar sei er „ein in der Wolle gefärbter Republikaner“, versichert der Gastgeber, aber dennoch sei es ihm ein Anliegen zu danken: „Die vielen Adelsfamilien spielen beim Erhalt und der Pflege kulturgeschichtlich bedeutsamer Bauwerke und Flächen eine wichtige Rolle!“ Um die Verbesserung des Tourismus, so wird rasch klar, geht es an diesem Abend. Die Freifrauen und Freiherren könnten davon profitieren, wenn mehr zahlende Schlossbesucher kämen.

Anders als bei so manchem seiner Vorgänger kommt Kretschmann die Anrede „Seine Königliche Hoheit“ nicht über die Lippen. Sie ist seit 1918 nicht zulässig, was etliche nicht daran hindert, in Einladungen SKH vor den Namen zu setzen. Die Adelstitel sind nur noch Namensbestandteile. Einen Graf Björn beispielsweise gibt es nicht. Der freundliche Mann, der von der Insel Mainau angereist ist, heißt Björn Graf Bernadotte . Der 41-Jährige sagt, er könne sich nicht daran erinnern, dass jemals ein Ministerpräsident speziell den Adel eingeladen habe. Er freue sich auf „Begegnungen mit Menschen“.

Getroffen hat er etwa Friedrich Herzog von Württemberg, den ältesten Sohn des Oberhauptes im Hause Württemberg, Max Markgraf von Baden, Berthold Graf Schenk von Stauffenberg sowie Karl Eugen Graf zu Neipperg, der in seiner Rede auf die hohen Kosten hinwies, die den Schlossbesitzern bei der Instandhaltung entstünden.

Kimsey von Reischach versteht die Kritik am Empfang nicht

Verständnis für die Kritik am Adelstreffen hat die frühere MTV-Moderatorin Kimsy von Reischach nicht: „Herr Kretschmann trifft sich doch auch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen.“ Ob sie Stolz verspürt, dem Adel anzugehören? Die 43-Jährige, die mit ihrer Schwester im Schloss Riet in Vaihingen an der Enz wohnt, verneint. „Stolz“ sei sie auf ihre Familie, beteuert sie.

Doch nicht alle Adelsfamilien sind frei von Standesdünkel, wie eine Frau aus diesen Kreisen sagt, die nicht namentlich genannt werden will. Gefordert würden „Höflichkeit und Benimm“. Zuweilen sei die Kusshand für die Damen üblich. Der Nachwuchs lerne besondere Lebensweisen, Umgangsformen und Standesethos.„Unter den Jüngeren aber ist es unverkrampfter geworden“, versichert sie. Allerdings müsse man „sich zu benehmen wissen“, da Etikette eine „große Rolle“ spielten. Wert werde auf die Tradition gelegt, dass nur Männer den Namen behalten. Eine Frau hingegen sollte ihn nicht an ihren Mann weitergeben, sofern dieser nicht adlig sei. Verkaufter oder adoptierter Adel, sagt sie, werde „verachtet“. Was außerdem zu hören war: Bürgerliche Frauen, die in Adelsfamilie einheiraten, haben heutzutage im Gegensatz zu früher meist keine Probleme mehr als neues Blaublut aufgenommen zu werden. Große Königshäuser haben es vorgemacht.

Weit ausgestreckt hat der Regierungschef die Hand den Blaublütern, die bisher selten Grünwähler waren. Das Königtum aber hat er nicht ausgerufen – und dies lag nicht nur an den Verzerrungen der Verstärkeranlage.

Als Verstärker der Adelswünsche hat er sich betätigt – und sich Anerkennung in diesen Kreisen erworben. Für die adligen Gäste gab’s Spargel, Kalbsbäckchen und Mousse – das Essen war gutbürgerlich.

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