Uwe-Bogen-Kolumne Wie gut wird in Stuttgart gelogen?

Von Uwe Bogen 

Stuttgart im Sternzeichen der Lüge: Der Filmwinter, das internationale Festival der Medienkunst, vermisst den „Mut zur Lüge“. Warum, fragt unser Kolumnist Uwe Bogen, tut sich die Stadt mit der Wahrheit so schwer?

Im Zeichen der Lüge: Werbung für den Stuttgarter Filmwinter. Foto: FW
Im Zeichen der Lüge: Werbung für den Stuttgarter Filmwinter. Foto: FW

Stuttgart - Die Feinstaubgefahr lässt sich ohne Fahrverbote bannen. Der unterirdische Bahnhof wird planmäßig im Jahr 2021 fertig und nicht mehr als sechs Milliarden Euro kosten. Schwaben können alles außer Hochdeutsch.

Alles gelogen! Mit der Wahrheit tut man sich in Stuttgart an vielen Ecken und Enden schwer. Ein Glück nur, dass wenigstens beim VfB und bei den Kickers gilt: Die Tabelle lügt nicht.

„Mut zur Lüge“ – so steht’s seit Tagen quer durch die Stadt auf Plakaten, die für den Filmwinter werben, für das internationale Festival des Experimentalfilms und der Medienkunst (vom 18. bis 22. Januar in Stuttgart). Brauchen wir zum Lügen wirklich Mut? Ist es nicht vielmehr die Wahrheit, die Mut verlangt, während sich die Lüge mit Feigheit begnügt?

„Neue Lügen“ sollen vor „stumpfer Wahrheit“ warnen

Die Unwahrheit hat keinen guten Ruf. Zu Unrecht! Durch kleine Schwindeleien wird das Sozialleben erst erträglich.

Bei Facebook und Twitter schwindeln die User eifrig, wie dies im digitalen Zeitalter die übliche Praxis ist. Wir machen uns interessanter, reizvoller, spannender, bemerkenswerter, als wir sind.

Wo sind die besten Lügen? Welche Schwindeleien tun uns besonders gut? Mit dem Filmwinter will der Verein Wand 5, der das Forum für den künstlerischen Film seit 1987 ausrichtet, „die Lüge zurückerobern“, wie im Programm zu lesen ist – zurückerobern für die Fantasie und für die Kunst. Die Menschheit brauche dringend neue Lügen, „die uns vor stumpfer Wahrheit warnen“.

Wann, liebe Leserinnen und Leser, haben Sie zum letzten Mal gerade noch rechtzeitig gelogen, bevor die Wahrheit Schaden anrichten konnte? Kam Ihre Frau mit verschnittenen Haaren vom Friseur zurück, und Sie sagten, sie sehe toll aus? Haben Sie Ihren Chef für etwas gelobt, mit dem er danebenliegt? Haben Sie Ihren Kollegen gesagt, es gehe Ihnen gut, und ihnen lieber verschwiegen, was Sie in Wahrheit plagt?

Wer besitzt eine Lügenpresse?

Lügen halten die Gemeinschaft zusammen. Oft sind sie leicht zu durchschauen. „Nein, du bist überhaupt nicht dick.“ Gelogen! Und: „Das habe ich noch zu keiner Frau gesagt.“ Haha, wer glaubt’s? „Ich komm’ später nach Hause – muss länger arbeiten.“ Wenn Männer so etwas sagen, stimmt das selten. Soll man daheim die Wahrheit über die Affäre sagen? Wenn man es tut, gibt es kein Daheim mehr.

Was ist eine Spätzlespresse, deren Teigresultate uns vorgaukeln, handgeschabt zu sein? Eine Lügenpresse!

Dass Lügen Beine haben, womöglich sogar kurze, ist bereits gelogen. Das Sprichwort setzt die Lüge mit einer Person gleich, die mit kurzen Beinen nicht weit kommt und leicht ertappt wird. So ein Quatsch. Jeden Tag lügen sich die Menschen zum Erhalt ihrer Art durchs Leben. Ehrlich verfährt sich am längsten.

Mut zur Lüge? Müssen wir die Kunst des Lügens endlich lernen? Die meisten sind mutiger, als uns lieb ist.

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