Kolumne zum Mordfall von Kandel Mias Tod und seine Instrumentalisierung

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Der Mordfall von Kandel löst Debatten aus, die man nicht der AfD überlassen darf, meint unsere Kolumnistin Katja Bauer. Auch wenn es immer schwieriger wird, eine Haltung entgegenzusetzen, die lebenserhaltend ist für die Demokratie.

Gedenken in Kandel. Foto: dpa
Gedenken in Kandel. Foto: dpa

Berlin - Das Jahr hat nicht gut aufgehört. In Rheinland-Pfalz wurde die 15-jährige Mia von ihrem Ex-Freund erstochen. Er ist ein Flüchtling, diese Gesellschaft gewährte ihm Schutz. Er hatte sogar das Glück, mehr als Schutz zu finden, nämlich die Offenheit einer Familie.

Es gibt Gewalttaten, die erschüttern so sehr, dass schon bald ein schlichter Ortsname zum Synonym für das Schreckliche wird. Wer in die jüngere deutsche Geschichte zurückblickt, dem fallen da Orte ein wie Mölln, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen oder auch der Berliner Breitscheidplatz.

Bis die Beziehungstat von Kandel zu einem einzigen Wort kondensierte, dauerte es nur wenige Stunden. Das Internet sorgte dafür. Am 27. Dezember meldete die Polizei den Fall. Drei dürre Informationen lagen vor: Der Täter ein minderjähriger Afghane, das Opfer seine minderjährige deutsche Ex-Freundin, die Tatwaffe ein Messer.

AfD schießt mit propagandistischem Schnellfeuergewehr

Kurze Zeit später entsicherte die AfD ihr propagandistisches Schnellfeuergewehr. Der Parteichef Alexander Gauland wusste, dass offene Grenzen und Behördenversagen für Mia und für „die Gesellschaft“ tödlich seien. Seine Kollegin Alice Weidel unterstellte, Mia könne bei anderem staatlichen Handeln noch leben. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier veröffentlichte ein Foto, auf dem ein alter Mann mit Turban zu sehen ist: „Das ist Mohammed, ein 15-jähriger Afghane.“ Sein bayerischer Kollege Petr Bystron denunzierte mehrere Menschen als Schuldige. Wörtlich schrieb er: „Verkuppelnde Gutmenschen tragen Mitschuld am Tod der 15-Jährigen: An Euren Händen klebt Mias Blut.“ Dazu veröffentlichte er die Namen des örtlichen Pfarrers, einer in der Flüchtlingshilfe engagierten Frau, dreier Kommunalpolitiker. AfD-Abgeordnete ließen sich beim selbst organisierten Trauermarsch ablichten, mit den Angehörigen abgesprochen war nichts.

Mia war in dem Moment, in dem die Ausschlachtung ihres Schicksals begann, gerade ein paar Stunden tot. Die Eltern hatten noch nicht einmal eine Nacht Zeit gehabt, das Unfassbare im Ansatz zu erfassen. Zeitpunkt und Form der Äußerungen sind eine neue Dimension für Abgeordnete des Deutschen Bundestages. Jeder, der so agiert, kennt auch und will den darauffolgenden Schwall der Widerwärtigkeiten im Netz. Das tote Mädchen und das Leid der Familie ist den Handelnden gleichgültig genug, um es blitzschnell zu instrumentalisieren. Einer Partei, die nach vielfachem eigenen Bekunden überhaupt keine „kulturfremden“ Menschen ins Land lassen will, geht es dabei nicht wirklich um Sachfragen wie die Altersfeststellung bei minderjährigen Flüchtlingen.

Persönliche Schuldzuweisungen gegenüber Andersdenkenden

Das Ziel ist, immer und immer wieder, die Verschiebung des Diskurses nach rechts, die Emotionalisierung jeglicher Debatte. Und leider muss man sagen: Es wirkt. Vertreter anderer Parteien, Medien, zivile Helfer werden zu Getriebenen, sie sehen sich persönlichen Schuldzuweisungen ausgesetzt, es wird immer schwieriger, dem Druck der strammen Worte eine Haltung entgegenzusetzen, die lebenserhaltend ist für die bundesrepublikanische Demokratie: das Bewahren des kühlen Kopfes. Er ist das Gegenkonzept zu einem emotionalen Totalitarismus, den wir hier nie wieder haben wollen.

Mias Tod trifft viele Menschen ins Herz. Das hat auch mit dem Vertrauen zu tun, welches der spätere Täter als Vorschuss von dieser Gesellschaft bekam. Debatten sind nötig – darüber, ob Behörden Fehler gemacht haben, ob ein Einzelfall nahelegt, Schlussfolgerungen zu ziehen, ob eine Altersfeststellung wie in anderen Ländern sinnvoll ist. Solche Debatten sind keine Erfindung der AfD. Man darf sie ihr nicht überlassen.

Vorschau Am 16. Januar schreibt an dieser Stelle unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.