Kolumne: Zum Türchen verführt Adventskalender, Sturmflut und die fraktale Konkurrenz

Sie können nicht groß genug sein, die Adventskalender. Foto: Michael Kienzler

Wie die Deutschland endlich aus der Krise kommt und wie man mit einem fraktalen Adventskalender die Konkurrenz lahmlegt, das weiß unser Kolumnist Ulrich Stolte.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Da gab es ein gewisses Automodell, dessen Fahrer sich immer mit hochgehaltenen Fingern begrüßten: Die Anzahl der Finger war die Zahl der Tauschmotoren, die man in die Karre schon hatte einbauen lassen. Heute reichen die Finger nicht mehr: Für die Zahl der Adventskalender, die einem die Bude überfluten wie ein Tsunami nach einer Sturmflut im Monsun.

 

Als Kind hatte ich einen Adventskalender, der jeden Tag ein buntes Bildchen präsentierte. Am 24. war das Bild am größten mit gleich zwei Pappklappen und es erinnerte ein bisschen an eine Himmelstür. An diesem Tag gab es die Geschenke – Heißa. Und dann machte man die Klappen wieder zu und konnte den Kalender als sparsamer Schwabe im nächsten Jahr noch einmal verwenden. Jetzt gibt es haushohe Adventskalender wie der am Böblinger Postplatz und eine ganze Schar von Hausmeistern muss die Lichter anknipsen.

Der Kalender von Gabi, Brigitte, Simone und Monika?

Hat sich denn nie jemand überlegt, was es für einen volkswirtschaftlichen Schaden anrichtet, wenn ich jeden Tag eine dreiviertel Stunde brauche, um den Schoko-Adventskalender, den Wellness-Adventskalender, den Adventskalender von Gabi, Brigitte, Simone und Monika, den Kalender von der AOK, von der Raiffeisenbank und den vom Verband der Hörakustiker aufmachen muss?

Ganz zu schweigen vom Sinken der Produktivität, wenn ich statt des wohlverdienten Eimerchens Pulverkaffee am Morgen im Tee-Adventskalender einen Lama-Dharma-wohlglücksseienden-Zimt-Melisse-Johanniskraut-himmlischen-Inspirations-Tee trinken muss und tagsüber ins Nirwana entschlafe, während ich aus unerfindlichen Gründen von Rasenschnitt träume?

Das ist doch der wahre Grund, warum es mit unserem Land bergab geht. Und wenn dann wieder irgendeine Industrielle kommt und einen Feiertag abschaffen will, anstatt ihre Klitsche auf Vordermann zu bringen, damit sie wieder was abwirft, dann sollte sie gegenrechnen, wie die Produktivität sinkt, wenn jeder im Büro täglich seine Adventskalender-Türchen sucht.

Dabei könnte besagte Unternehmerin doch die Konkurrenz auf ganz einfache Art lahmlegen. Sie schenkt jedem Mitarbeiter dort einen Adventskalender und in jedes Türchen legt sie noch einen kleinen Adventskalender, und in diesen Kalender legt sie in jedes Türchen noch einen klitzekleinen… und noch einen . . . und noch einen . . .

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