Kolumne zur Fußball-WM 2018 Die edle Kunst des schnöden Handwerks

Von Michael Setzer 

Bildung durch Fußball: Wer die Standardsituation nicht ehrt, ist den Fallrückzieher in der 87. Minute nicht wert.

Auf Standards muss man sich  vorbereiten – das weiß auch Cristiano Ronaldo. Foto: AFP
Auf Standards muss man sich vorbereiten – das weiß auch Cristiano Ronaldo. Foto: AFP

Stuttgart - Bildung ist wichtig. Kommt’s hart auf hart, dann reicht auch erst mal Rudelbildung. Wenn Menschen zusammenkommen und sich austauschen, ist das immer noch besser, als weiterhin ­ahnungslos zu bleiben. Fußball verfolgt schließlich auch einen Bildungsauftrag, selbst wenn derartige Bemühungen bisher spurlos am DFB, einigen Fans oder Waldemar Hartmann vorbeiflatterten. Wäre die Welt zum Beispiel tatsächlich eine Scheibe, hätte die Fifa ja wohl nicht eine Kugel auf den Pokal gemacht, oder? Und noch etwas haben wir bei WM gelernt: Noch nie vielen so fiele, Verzeihung, fielen so viele Tore bei einer Weltmeisterschaft aus sogenannten Standardsituationen heraus.

Der Standardsituation, das impliziert bereits der Name, fehlt es an Glamour. ­Gemeint ist damit eine Spielsituation mit ruhendem Ball, in direkter Konsequenz aus einer vorangegangenen Aktion – Eckball, Freistoß, Abstoß, Anstoß, Elfmeter, Einwurf. Ganz doof gesagt: Das ist schnödes Handwerk, muss gewissenhaft geübt werden und immer sofort abrufbar sein. Der Handwerker des Vertrauens googelt ja auch nicht zuerst, in welche Richtung man die Schraube eigentlich festdrehen muss. Wer die Standardsituation nicht ehrt, ist den Fallrückzieher in der 87. Minute nicht wert. Denn Standards sind die grobe Rahmenhandlung des Lebens, und die großen Künstler erkennt man daran, mit welcher Finesse sie das ausführen. Auch das haben wir gelernt: Cristiano Ronaldo zelebriert seine Freistöße wie ein Rockstar, dem die Unterhose leicht verrutscht ist.

Das Halstattoo macht sensibel

Bildung lauert überall, man muss nur aufmerksam sein: Manchmal empfiehlt es sich, sogar absichtlich Fußball mit Menschen zu schauen, denen der Sport üblicherweise ein bisschen egal ist. Die wären im Leben nicht so doof, sich bei einem Pokalspiel gegen FC Carl Zeiss Jena bei acht Grad und schrägem Nieselregen ins Stadion zu setzen. Die würden sich das nicht mal im Fernsehen anschauen, so schlau sind die. Und sie erkennen die Feinheiten der Welt: Männer, die sich am Hals tätowieren lassen, verfügen zum Beispiel über eine Art Standschwäche, eine mutmaßliche Nebenwirkung des Tattoos. Schon beim Windhauch einer Berührung fallen sie sofort um.

Und letztendlich ist es das, was Fußball so faszinierend macht: Idioten wie ich und die aller Herren Länder finden sofort ein gemeinsames Thema, und wenn dann auch noch ein Getränkeausschank in der Nähe ist, wird alles gut. Man streitet, frotzelt, schlaumeiert und erfährt etwas Neues. Bis vorgestern noch belief sich mein Fachwissen über Belgien auf Folgendes: Belgien ist so etwas wie das Saarland Europas und ein Land, das meist von Leuten besucht wird, die sich auf dem Weg nach Holland verfahren haben. Nun weiß ich: Ich möchte Eden Hazard und Romelu Lukaku viel öfter noch bei der Arbeit zusehen. Danke, Fußball.