InterviewKomiker Torsten Sträter in Stuttgart „Die Leute mögen wohldosierte Vulgarismen“

Der Mann mit der Mütze: das Ruhrpott-Original Torsten Sträter Foto: Getty Abo
Der Mann mit der Mütze: das Ruhrpott-Original Torsten Sträter Foto: Getty Abo

Torsten Sträter, der lakonische Vorlesesatiriker aus dem Ruhrgebiet, tritt in Stuttgart auf. Warum er früher vor den Schwaben Angst hatte und wieso Schimpfwörter in seinem Programm nicht fehlen dürfen, erklärt er im Interview.

Leben: Simone Höhn (sdr)
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Stuttgart - Torsten Sträters Markenzeichen ist, neben der Mütze, absolute Tiefenentspannung in Kombination mit brummelnder Bassstimme sowie raubeinigem Ruhrpott-Slang. Er erzählt von den täglichen Absurditäten, immer an der Grenze zwischen Fiktion und Realität. Nebenbei ist der 50-Jährige Bestseller­autor und gehört zur Stammbesetzung des „Satiregipfels“ in der ARD. Am Freitag bringt er seinen Humor im ausverkauften Theaterhaus Stuttgart unters Volk.

Herr Sträter, einem Kollegen musste ich ­erklären, wer Sie sind und was Sie machen. Ich habe gesagt, Sie seien ein Poetry-Slam-Comedian, der mit der Mütze. Korrekt?
Ich würde mich einfach als Komiker bezeichnen. Die Sache mit dem Poetry-Slam kommt komischerweise in jeder Beschreibung vor, klingt vielleicht besonders jung und pfiffig, aber diese Form des Dichter-Wettbewerbs mache ich gar nicht mehr.
Inzwischen treten Sie mit abendfüllenden Programmen auf. Manchmal sagen Sie nur ein Wort, und schon lacht der ganze Saal. Wie machen Sie das?
Das kommt immer stark aufs Wort an. Wenn das Wort so was ist wie Brot, generiere ich damit nicht viele Lacher. Meistens ist es ein Satz. Das freut mich, weil ich dann weiß, dass die Leute auch lachen wollen.

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Was war der letzte Satz, bei dem sofort alle Leute gelacht haben?
Ich glaube, es waren nur zwei Wörter: „die A 7“. Ich war in Schleswig, und die A 7 ist mitunter die erbärmlichste Autobahn, an sich nur eine Sonderbaustelle. Das Publikum hat sofort verstanden, was ich meine. Das schafft Verbindung.
Versuchen Sie, je nachdem wo Sie auftreten, etwas Regionaltypisches einzubauen?
Ich finde das einerseits sehr plump, andererseits sehr schön. Oft weiß ich aber auch nichts. Ich finde Berlin abzufeiern unangebracht. Bei den Städten, die ich gerne mag wie Dresden oder Hamburg, mache ich das schon mal, dann muss es aber auch ein ­guter Gag sein.
Woran denken Sie, wenn Sie an Stuttgart denken?
An das Theaterhaus. Da ist es immer wunderbar. Ich habe mich von den kleinen über die mittleren bis zu den größeren Sälen hochgedient und bin da sehr stolz drauf. Stuttgart ist ja nun mal auch kein Schiss in der Landschaft. Ich mag Stuttgart. Früher hatte ich immer Angst davor, dachte, da verstehen sie mich nicht, kommen mir mit dem „sch“, das unwillkürlich ins Wort eingebaut wird. Aber tatsächlich habe ich das letzte Mal in Stuttgart viel Spaß gehabt.
Gibt es im Süden einen speziellen Humor?
Nein, da konnte ich bisher nichts ausmachen. Ich kenne natürlich die örtlichen Helden wie Christoph Sonntag, die ja außerhalb des Südens eher links liegen gelassen werden, ohne dass ich das böse meine. Aber ich kann nichts Spezifizierendes feststellen. Eine gute Pointe wird überall erkannt, ob vom Stuttgarter, vom Hamburger, vom Allgäuer – und vom Sachsen auch.
Aber der Süden ist nicht so Ihr Gebiet, oder?
Das ist Quatsch. Da ich Ruhrgebietsmensch bin – das heißt, nicht besonders verwöhnt –, ist überall meine Gegend. Es gibt eine ­gewisse Publikumsstruktur, der ich gelegentlich vor die Pumpe laufe. Hochkultur-Klientel kommt mitunter nicht so richtig klar mit meinem Humor. Ich war jetzt schon in jeder Gegend in Deutschland. Das war mal sehr gut, und es war auch mal nur gut. Aber ich werde auch immer besser.
Ganz bescheiden.
Nein, das ist eher realistisch. Ich merke das an mir selbst, es macht mehr Spaß, und man wird lockerer, je mehr Erfahrung man hat.
Wenn es mal nicht so läuft mit den Lachern, etwa vor Hochkultur-Publikum, was zaubern Sie aus dem Ärmel? Was zieht immer?
Ich achte darauf, dass es trotzdem gleich zieht mit den Lachern, das Programm wird dann nur etwas gediegener. Ich bin ja sowieso nur ein mäßiger Provokateur. Ich streue dann auch schon mal ältere Sachen ein, von denen ich weiß, die ziehen garantiert immer.
Und lassen die Schimpfwörter weg?
Das kann ich nicht. Ich fürchte, ich leide unter Ruhrgebiets-Tourette. Vulgarismen oder Schimpfwörter muss man auch nicht weglassen, die Frage ist nur, ob das Programm aus nichts anderem besteht. Man vertut sich da auch leicht: Alle Leute mögen wohldosierte Vulgarismen. Oder wie mein geschätzter Freund und Kollege Ingo Appelt sagt: Der Unterleib geht immer.
Wie spiegelt sich die Mentalität des Ruhrgebiets in der regionalen Komik wider?
Wenn Sie die Kabarettisten Piet Klocke, Wolfgang Trepper, Fritz Eckenga, Jochen Malmsheimer und Hennes Bender kreuzen, dann haben sie den Prototypen des Ruhrgebietsbewohners. Der Humor ist vermutlich ein bisschen direkter und mehr auf die Zwölf als das große Wiener Kabarett. Ich glaube, das knurrige Kabarett, die bissige Komik wird hier gebraut, gebacken und gebraten.
Sie haben nur Männer erwähnt. Was ist mit den Frauen?
Ich habe nur Männer erwähnt, weil ich selbst ein Mann bin und Männer nun einmal in sehr engen Grenzen denken und sich auch immer gerne nach vorne drängeln. Aber natürlich gibt es auch ganz hervorragende Komikerinnen aus unserer Gegend, Gerburg Jahnke zum Beispiel.
Aber wirklich erfolgreich sind in der deutschen Komiker-Szene nur die Männer, oder?
Das kann man so nicht sagen. Schauen Sie sich Carolin Kebekus an. Die ist lustiger als wir alle zusammen und hat einen riesigen Erfolg. Vielleicht gibt es noch nicht so viele Frauen wie Männer in der Szene, aber es werden immer mehr.
Sie sind jetzt 50. Sie sagen, um authentische Komik zu produzieren, muss man erst mal die Hälfte seines Lebens gelebt haben. Fällt Ihnen die Komik leichter, je älter Sie werden?
Ja, tatsächlich. Sie fällt mir leichter, je ­länger ich dabei bin. Es gibt natürlich Leute, die sind Mitte zwanzig und brillant. Aber ich brauche persönliche Lebenserfahrung, muss auch harte Zeiten durchlebt haben, um Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich ­finde, Komik braucht fast zwingend einen tragischen Aspekt, an dem man sich abarbeitet, sonst wird es oberflächlich.

Torsten Sträter wurde am 4. September 1966 in Dortmund geboren. Er hat eine Ausbildung zum Herrenschneider gemacht, war Spediteur und hat bei H & M Kleider auf die Bügel gehängt. Erst viel später fand er seine Berufung und wechselte ins Poetry-Slam-Fach. Seit drei Jahren konzentriert er sich auf das Kabarett. Der Titel seines aktuellen Bühnenprogramms, mit dem er an diesem Freitag im ausverkauften Stuttgarter Theaterhaus auftritt, lautet „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein“. Sträter hat mehrere Bücher geschrieben und ist oft als Gast in TV-Sendungen zu sehen. Am Samstag läuft seine Sendung „Sträters Männerhaushalt“ um 21.45 Uhr im WDR.

    



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