Kommentar zu Baumgartners Rekordsprung Kontrollierter Kontrollverlust

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Ausreichend verrückt aber realisierbar, so sehen moderne Abenteuer heute aus, meint unser Kommentator Knut Krohn. Auf der Suche nach dem Kick stürzen sich die Menschen mit Fallschirmen von Häusern.

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Stuttgart - Früher war natürlich alles besser. Als kleiner Junge kletterte man vor den Augen der Freunde auf den höchsten Baum im Garten der Eltern – und war ein Held. Heute muss ein angehender Abenteurer dem Publikum wesentlich mehr bieten. Er braucht nicht nur sehr viel Mut, sondern auch eine gehörige Portion Einfallsreichtum. Schließlich sind schon ziemlich alle Berge der Welt bestiegen, der Nordpol ist längst entdeckt, und der Amazonas ist auch kein weißer Fleck mehr. Das ist ein grundsätzliches Problem, denn eine der wichtigsten Abenteuerregeln lautet: Wenn die Idee vor dir schon jemand in die Tat umgesetzt hat, vergiss es! Dann ist dein Vorhaben kein Abenteuer mehr, sondern allenfalls eine Reise, es ist alltäglich. Und wer will das schon?

Felix Baumgartner wollte es nicht. Er wollte etwas Einzigartiges erreichen: er wollte als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer durchbrechen. Diese Idee erfüllt alle Voraussetzungen für ein richtiges Abenteuer: sie ist verrückt genug, dass sich nicht jeder dahergelaufene Extremsportler daran wagt, erschien aber auch realisierbar.

Über Jahre intensiv vorbereitet

Also machte sich der 43-jährige Österreicher an die Umsetzung seines Traumes. Dabei wird er sicherlich auf die Geschichte des Ikarus gestoßen sein, der auf seinem Flug übermütig und leichtsinnig der Sonne zu nahe kam und jämmerlich abstürzte. Damit das nicht passiert, hat sich Baumgartner fünf Jahre lang intensiv auf diese wenigen Sekunden vorbereitet. Denn Abenteurer sind vielleicht seltsame Freaks, die ein sehr großes Risiko eingehen und gerne auch mal ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, aber sie sind auf keinen Fall lebensmüde. Im Gegenteil: sie lieben das Leben und wollen es immer wieder spüren – und das so intensiv wie möglich. Der Kick ist jener flüchtige Moment, wenn die Angst den ganzen Körper aufzufressen scheint und man trotzdem springt. Also stürzen sich Menschen mit Fallschirmen gesichert von Klippen und Hochhäusern in die Tiefe.

Allerdings arbeitete Felix Baumgartner besonders konsequent an der Verwirklichung seines ganz großen Traumes, denn eine gewisse realitätsgesteuerte Besessenheit gehört zum Geschäft. Der Österreicher verfügt also über alle Eigenschaften eines modernen Abenteurers: er ist verrückt genug, offenbart einen ausgeprägten Geschäftssinn und hat dazu noch Glück. Der Salzburger Getränkehersteller Red Bull wurde auf ihn aufmerksam, ein Unternehmen, das mehrere Hundert Extremsportler auf der ganzen Welt finanziert und in diesem Sinne die Industrialisierung von Abenteuern perfektioniert hat.

Millionen Menschen sehen den Sprung

Millionen Menschen haben den Sprung live im Fernsehen und im Internet verfolgt. Sie wollten sehen, wie in einer durchorganisierten Hightechwelt ein Mensch alles hinter sich lässt und sein Dasein reduziert wird auf das Wesentliche – auf das nackte Überleben. Paradox erscheint, dass diese archaische Herausforderung und deren mediengerechte Präsentation erst mit einem gigantischen technischen und finanziellen Aufwand erreicht werden konnte. Es war ein extrem kontrollierter Kontrollverlust. Auf der einen Seite wurde die größtmögliche, gerade noch beherrschbare Gefahr gesucht, auf der anderen Seite sollte bei dem Sprung das kleinstmögliche Risiko eingegangen werden.

Doch nicht alle Extremsportler sind so gut vorbereitet wie Felix Baumgartner. Manche Snowboarder oder Downhill-Radfahrer rasen inzwischen auf der Suche nach dem Kick mit einer Helmkamera in Richtung Tal und stellen ihre Bilder hernach ins Internet. Denn was nutzt eine Heldentat, wenn die Menschheit anschließend nichts davon erfährt? Bei diesen riskanten Aktionen besteht allerdings die große Gefahr, nicht in die Annalen des Sports einzugehen, sondern nach einem spektakulären Sturz lediglich auf Youtube zu zweifelhaftem Ruhm zu gelangen.




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