Der Kremlkritiker Michail Chodorkowski ist nicht nur aus dem Straflager entlassen worden, er durfte sogar nach Deutschland ausreisen. Das wirft viele Fragen auf, kommentiert Christian Gottschalk.
Stuttgart - Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. Noch am Donnerstag saß Michail Chodorkowski am Rande des Polarkreises im Gefängnis, einen Tag später landete der Ex-Oligarch und Kreml-Kritiker in Berlin. Das ist eine mehr als beachtliche Entwicklung. Nach zehn Jahren Haft haben sich die Ereignisse überschlagen. Warum Wladimir Putin seinen wohl größten Widersacher ziehen lässt, ist die Frage aller Fragen. Drei Antworten scheinen möglich.
Da ist zum ersten die Variante, dass sich der Herr des Kreml auf elegante Art und Weise eines Mannes entledigen möchte, der das politische Talent dazu hat, dem Herrschenden einmal gefährlich zu werden. Aus dem Ausland heraus wird es Chodorkowski sehr viel schwerer haben, die russische Seele zu erreichen. Im Westen wäre der Kritiker demnach ebenso sichergestellt wie im Gefängnis – mit dem Nebeneffekt, dass die Weltöffentlichkeit zufrieden ist. Dieser Gedanke hat Charme. Die zweite Variante ist praktisch das Gegenteil davon, gleichwohl möglich. Chodorkowski wird für eine begrenzte Zeit aus dem Putin-Reich entlassen, um Dinge zu regeln, die zu regeln sind. Es gibt jedoch eine klare Absprache zur Rückkehr. Bleibt Variante drei: Putin ist einfach ein guter Mensch. Es wird schon bald Hinweise darauf geben, worin des Rätsels Lösung besteht.