Oscars 2021 Mehr Vielfalt, ungewisse Zukunft

Eine Entwurzelte im weiten Westen: Frances McDormand in „Nomadland“ Foto: imago images/Cinema Publishers Collection

Die Oscars sind nun diverser, doch der Konflikt schwelt weiter und das Publikum schwindet.

Stuttgart - Im Jahr 2016 wurden die Oscars als „zu alt, zu weiß, zu männlich“ gebrandmarkt – und nur fünf Jahre später wirken die wichtigsten Filmpreise der Welt auf magische Art ausgewogen. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat neue Mitglieder aufgenommen, wie selbstverständlich ist die Gewinnerliste nun bunter. Aber das Ringen um Vielfalt hat erst begonnen – und jenes ums schwindende Publikum erst recht.

 

Frauen bekamen früher schon Oscars, als Schauspielerinnen, Hairstylistinnen, Kostümbildnerinnen. Das scheint sich zu ändern. Nun gewinnt die gebürtige Chinesin Chloé Zhao den Regie-Oscar, erst als zweite Frau überhaupt nach Kathryn Bigelow 2010. Ihr Drama „Nomadland“ wurde auch als bester Film ausgezeichnet. Zhao erzählt von einer Frau (Francs McDormand, ebenfalls Oscar-prämiert), die als entwurzelte Mindestlöhnerin im Van durch den Westen der USA treibt, wo der Horizont weit ist und wenig bleibt außer Freiheit. Das unterprivilegierte weiße Amerika müsste sich da wiederfinden.

Zwist um Chadwick Boseman

Für den Regie-Oscar nominiert war auch die Britin Emerald Fennell mit ihrem Vergewaltigungsdrama „Promising young Woman“. Sie bekam den Preis fürs beste Original-Drehbuch. Eine junge Frau rächt sich an Männern dafür, was ihrer besten Freundin widerfahren ist – intelligent, brillant inszeniert, schmerzhaft. Man fragt sich, wie die Filmwelt so lange ohne solche universellen weiblichen Perspektiven ausgekommen ist.

Die Koreanerin Yuh-Jung Youn knüpft als beste Nebendarstellerin in „Minari“ an den Erfolg des koreanischen Films „Parasite“ vor einem Jahr an. Die schwarze Gemeinde feiert den Briten Daniel Kaluuya als besten Nebendarsteller, er spielt in „Judas and the Black Messiah den charismatischen Bürgerrechtler Fred Hampton Ede der der 60er Jahre. Und sie kritisiert, dass dem verstorbenen „Black Panther“-Star Chadwick Boseman die letzte Chance auf den Hauptdarsteller-Oscar verwehrt wurde zugunsten eines alten, weißen Mannes: Anthony Hopkins (83). Der hat Christopher Plummers Altersrekord gebrochen – und den Oscar verdient für seine Darstellung eines Demenzkranken in „The Father“. An solchen Details zeigt sich: Der Konflikt schwelt weiter.

Wenig „Traumfabrik“-Stoff

Zugleich wächst die Sorge, die Academy Awards könnten das Mainstream-Publikum verlieren, es gab kaum klassischen „Traumfabrik“-Stoff, dafür viele harte Arthaus-Dramen. Das Branchenblatt „Variety“ zitierte vor der Gala ein Academy-Mitglied, das natürlich anonym bleiben wollte: „Es ist alles zu viel. Wie schlecht soll ich mich noch fühlen über Dinge, mit denen ich nichts zu tun habe?“ So großartig Cineasten die Filme finden mögen: Ein breites Publikum dürften sie kaum ansprechen.

Nicht bewahrheitet hat sich die befürchtete Dominanz der Streaming-Dienste. Netflix ging mit David Finchers schwarzweißer Hollywood-Hommage „Mank“ und zehn Nominierungen als Favorit ins Rennen und musste sich mit den Oscars für Kamera und Szenenbild begnügen. Aaron Sorkins „Trial of the Chicago 7“ ging völlig leer aus, immerhin bekam „Mein Lehrer, der Krake“ den Dokumentarfilm-Oscar. Amazon, mit dem Musiker-Drama „Sound of Metal“ auch in Hauptkategorien nominiert, holte letztlich die Oscars für Ton und Schnitt.

Der Moment der Wahrheit kommt später

Wie es mit den Academy Awards weitergeht, ist völlig offen. Die unter Corona-Bedingungen inszenierte Live-Show in der Union Station in L. A. hatte Schwächen, der Befreiungsschlag blieb aus. Aber der Moment der Wahrheit kommt erst, wenn die Pandemie endet und sich herausstellt, wie die Kinos überlebt haben und ob das nun Streaming-affine Publikum zurückkehrt. Denn eines ist kaum vorstellbar: Oscars ohne große Leinwand.

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