Kommentar zu den Projektkosten Zahlensalat

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Bei Stuttgart 21 scheinen selbst die Grundrechenarten nicht mehr sicher zu sein. Ein Kommentar von Holger Gayer.

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Stuttgart - Gemeinhin gilt die Mathematik als exakte Wissenschaft. Eins plus eins gibt zwei - wer am Ergebnis dieser Gleichung zweifelt, könnte sich allenfalls um die Aufnahme an ein philosophisches Seminar für Fortgeschrittene bewerben, bei der Versetzung von der ersten in die zweite Grundschulklasse hätte der Skeptiker aber seine Schwierigkeiten.

In Sachen Stuttgart21 ist allerdings - wieder einmal - alles anders. Man hat sich zwar längst daran gewöhnt, dass bei diesem Thema jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Bemerkenswert ist aber, auf welche Art inzwischen sogar Zahlen politisiert werden. Um beim Beispiel der Gleichung 1+1=2 zu bleiben, stellt sich die Gemengelage, in welcher der Lenkungskreis gestern getagt hat, folgendermaßen dar: Wenn die Bahn kalkuliert, ergibt eins plus eins höchstens eineinhalb; wenn die Projektgegner nachrechnen, kommen sie auf mindestens zweieinhalb. Und der gemeine Betrachter fragt sich, ob er einst nicht richtig aufgepasst hat, als ihm die Grundrechenarten beigebracht worden sind.

Doch mit gesundem Menschenverstand hat die Debatte über Stuttgart21 ohnehin nichts mehr zu tun. Im Wahlkampf vor der Volksabstimmung über das Bahnprojekt geht es allen Beteiligten nur noch darum, möglichst umfassend die Deutungshoheit über die Kosten zu erlangen. In dieser Hinsicht hat sich gestern immerhin eine spannende Wendung ergeben: In neuer Eintracht lehnen die Projektpartner Land, Stadt und Region die Forderung des Projektpartners Bahn nach einer Beteiligung an den Folgekosten der Schlichtungsvereinbarung ab. Die 80 Millionen Euro für funktionierende Signale und andere Notwendigkeiten hat die Bahn auch nach Ansicht der projektfreundlichen Co-Finanziers von CDU und SPD selbst aufzubringen. Dieses Signal sollte die Bahn nicht übersehen, denn es steht unmissverständlich auf Rot.

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