Kommentar zu G8/G9 Glaubenskrieg um die Schulzeit

Bayrisches Volksbegehren:  Der Landesvorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, trägt eine Kisten mit Unterschriften zum Innenministerium in München. Foto: dpa
Bayrisches Volksbegehren: Der Landesvorsitzende der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, trägt eine Kisten mit Unterschriften zum Innenministerium in München. Foto: dpa

Was ist nun besser: eine achtjährige oder eine neunjährige Gymnasialzeit? Die Eltern und Schüler sollten selbst entscheiden können, meint StZ-Redakteur Christoph Link.

Politik: Christoph Link (chl)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Schulreformen haben eine kurze Haltbarkeit. Mit aller Macht wird in mehreren Bundesländern das Rad zurückgedreht – von der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) zur Verlängerung auf neun Jahre (G 9): In Niedersachsen schreitet dabei eine SPD-Schulministerin voran, in Hessen ein CDU-Kultusminister. In Bayern und Hamburg trommeln Bürgerbewegungen für ein Volksbegehren zu Gunsten von G9 und lassen die Regierungen zittern, denn in beiden Ländern haben Volksentscheide in Bildungsfragen schon einmal Erfolge gefeiert.

Bei der Rolle rückwärts eilt das schwarz-grüne Hessen voraus: Es wird künftig sogar sechsten und siebten Klassen im G8-Zug erlauben, geschlossen in die langsame Gangart G9 zu wechseln – ein Novum. In Baden-Württemberg ist das nicht möglich, hier müssen sich Fünftklässler festlegen, ob sie das Turboabitur wollen oder die gemächlichere Nummer mit neun Jahren.

Die Umfragemehrheit ist gegen G8

Um das G8 ist ein Glaubenskrieg entbrannt. Raubt es unseren Kindern die Kindheit? Nimmt es ihnen Zeit für Sport, Spaß und Spiel, wie die Gegner sagen? Offenbar wird das nicht nur von Eltern so empfunden. In Meinungsumfragen ist eine Mehrheit der Bevölkerung gegen G8 – wenngleich bisher keine Studie große Nachteile der Schulzeitverkürzung festgestellt hat. Überdies kommen Millionen von Schülern mit G8 gut klar. In Ostdeutschland ohnehin, wo die achtjährige Gymnasialzeit eine lange Tradition hat, und es nach der Wende sogar Proteste gegen die Einführung von G9 gab. Auch in Rheinland-Pfalz, das stets am 12,5-jährigen Weg zum Abitur festgehalten hat, gibt es keine größeren Aufwallungen wegen der Schulzeit.

Andererseits ist es verständlich, wenn Eltern nicht dem Diktat von zehn Jahre alten volkswirtschaftlichen Erwägungen folgen wollen, wonach das Land möglichst junge Berufsanfänger und Rentenzahler brauche. Inzwischen ist die Wehrpflicht entfallen, die Bologna-Reform an den Unis ermöglicht einen Bachelor-Abschluss nach sechs Semestern. Wer mit fünf eingeschult wird, könnte im Idealfall als Akademiker mit 20 im Beruf stehen. Wollen wir das? Möchte die Wirtschaft das?

Ein Wahlrecht ist teuer – aber sinnvoll

Es spricht viel dafür, den Kindern mehr Freiraum für die eigene Reifung zu lassen, für ihre Kreativität, für das Ausprobieren von Hobbys, Sport oder Musik, für einen Schüleraustausch im Ausland. Die Erfahrung von Langeweile sei wichtig für die kreative Entwicklung eines Kindes, sagen Pädagogen. Aber welches Schulkind verspürt heute noch zeitlichen Leerlauf?

Ein Wahlrecht für G8 oder G9 auch an den Gymnasien auf dem Lande sollte möglich sein. Das ist kostspielig. Aber die Zahl der Schüler wird bundesweit in den nächsten zwölf Jahren von heute 8,2 Millionen um eine Million sinken. Das bringt eine finanzielle Entlastung, die sogenannte demografische Rendite. Sie sollte für ein breites Schulangebot genutzt werden, das dem Willen von Eltern und Kindern gerecht wird. In einer überalternden Gesellschaft sind sie ohnehin bald in der Minderheit.




Unsere Empfehlung für Sie