Finden Israel und die Hamas nicht selbst eine Lösung für ihren blutigen Konflikt, droht eine Katastrophe, meint Knut Krohn.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)

Stuttgart - Ja! Israel darf sich verteidigen, wenn das Land angegriffen wird. Und ja! Israel hat ein Recht darauf, in Frieden und Sicherheit zu leben. Seit Tagen fürchten die jüdischen Siedler im Süden des Landes um ihr Leben, weil ein Regen von Raketen aus dem Gazastreifen auf sie niedergeht. Die Regierung in Jerusalem kann dieser Bedrohung nicht tatenlos zusehen. Es gibt aber auch die unbändige Wut der Palästinenser, die im Gazastreifen unter menschenunwürdigen Zuständen zusammengepfercht sind und deren Wohl und Wehe in den Händen Israels liegt.

An die fast regelmäßigen Ausbrüche von Gewalt in der Krisenregion hatte sich der Rest der Welt irgendwie gewöhnt, konnten sie doch mit internationaler Hilfe immer wieder eingedämmt werden. Doch dieses Mal ist vieles anders. Der Arabische Frühling hat die politische und militärische Landschaft dramatisch verändert. In Ägypten ist das alte Regime verschwunden, am Ruder sind neue und unerfahrene Politi­ker. In Syrien herrscht ein blutiger Bürgerkrieg, der den Libanon in Flammen zu setzen droht. Und Jordanien, wo unzählige palästinensische und syrische Flüchtlinge untergekommen sind, ist alles andere als eine stabile Gesellschaft.

Sehr komplizierte Regeln

Das heißt, die alten, sehr komplizierten Regeln des politischen Spiels im Nahen Osten, mit denen die ganz große Katastrophe immer wieder in letzter Sekunde verhindert werden konnte, gelten nicht mehr. Zudem gibt es keinen wirklich einflussreichen Vermittler mehr in der Region, der eine ­Eskalation dieses derzeit noch begrenz­ten Waffenganges verhindern könnte. Das zentrale Problem ist: Israel und die Hamas haben sich auf diese veränderten Begebenheiten offensichtlich nicht eingestellt. Ihre Verhaltensmuster stammen aus der Zeit, als in der Region alles fest gefügt war.

Es liegt nun also vor allem an den beiden Kriegsparteien, einen Weg aus dem Konflikt zu finden. Ohne ein grundsätzliches Umdenken wird dies nicht gelingen. Noch immer fordert die Hamas die Zerstörung des Staates Israel und die gewaltsame Einrichtung eines islamischen Staates Palästina. Das ist keine Verhandlungsbasis für echte Friedensgespräche. Auf der anderen Seite steht die alte israelische Staatsräson einer Nation im Krieg. Genährt wird diese Haltung aus der Geschichte des Landes, das in den über 60 Jahren seiner Existenz nie zur Ruhe kam. Die Personifizierung dieser Politik findet sich im amtierenden Premierminister Benjamin Netanjahu.

Der Schüssel zur Lösung

Ausgerechnet dieser Politiker der Stärke hält nun die Schlüssel zur Lösung des Konfliktes in Händen. Er muss eingestehen, dass die Politik der militärischen Macht nicht zum ersehnten Frieden geführt hat. Im Gegenteil: Gewalt hat immer wieder neue Gewalt nach sich gezogen. Um die Situation für alle zu verbessern, muss sich Israel auf die Palästinenser zubewegen – und dafür schmerzhafte Konzessionen machen. Dazu gehört ein Kompromiss über Jerusalem ebenso wie in der Wasser- und Flüchtlingsfrage. Verhandelt werden muss vor allem mit der Hamas. Dass auch bei ihnen Pragmatiker am Werk sind und Lösungen gefunden werden können, zeigte vor einem Jahr die Freilassung des Soldaten Gilad Schalit, der fünf Jahre lang von der Hamas gefangen gehalten wurde. Ganz Israel feierte jenen Tag – selbst wenn die eigene Regierung mit der Terrororganisation an einem Tisch saß. Zur Erinnerung: die inzwischen international anerkannte Fatah-Organisation von Jassir Arafat wurde lange als Terrorhelferin geschmäht.

Auch wenn die israelischen Politiker die bittere Wahrheit nicht sehen wollen: für ihr Land steht längst mehr auf dem Spiel als Frieden und Sicherheit. Israel kann sich weiter einigeln, Zäune und Mauern bauen, Kontrollen einführen und den Überwachungsstaat ausbauen. Das wäre dann aber auch das Ende des Traumes von einem demokratischen Staat Israel.

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