Kommentar zu Norwegen Der Ungeist der Kreuzritter

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Sind die Anschläge in Oslo die Bilanz eines Blutrausches? Die Antwort wäre zu einfach, meint der StZ-Redakteur Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)
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Oslo - Der  Anschlag von Oslo, das Massaker auf der Insel Utøya, 76 Tote - Bilanz des Blutrausches eines Geisteskranken? Diese Antwort wäre zu schlicht. Der Anwalt des mutmaßlichen Massenmörders Anders Behring Breivik mag auf Unzurechnungsfähigkeit seines Mandanten plädieren. Das ist eine naheliegende Verteidigungsstrategie. Sie erklärt das ungeheuerliche Verbrechen aber nicht hinreichend, führt wohl gar in die Irre. Gewiss, ein Mensch, der zu solchen Taten fähig ist, muss von Wahn getrieben sein. Ob er im pathologischen Sinne gestört und damit schuldunfähig ist, mögen Psychiater beurteilen. Leider mangelt es nicht an Verrückten vom Schlage Breiviks - gerade in der jüngeren deutschen Geschichte nicht.

Breiviks Hinterlassenschaften, sein monströses Manifest zum Beispiel, auf 1500 Seiten ausgebreitete Phrasen - sie künden von einer verqueren Denkwelt, in der sich dieser Mann bewegt hat. Und er war dort keineswegs alleine. Der Impuls zu solchen Gräueltaten erwuchs ganz offenkundig einem gut gedüngten Nährboden - der Mist dazu findet sich haufenweise im Internet. Im Kern geht es um eine Verschwörungstheorie, wonach Europa durch den Islam bedroht werde. Von "Eurabia" ist in Breiviks Rechtfertigungsschrift immer wieder die Rede. Doch er hat diesen Kampfbegriff nicht erfunden. Die Verteufelung des Islams hat eine unselige Tradition, viele Fürsprecher und Anhänger. In einer Reihe europäischer Parlamente sitzen Parteien, die Thesen solcher Stoßrichtung verfolgen. Prominentester Propagandist dieses Ungeistes ist der Holländer Geert Wilders, der auch in Deutschland Anklang findet.

11. September wirkt wie ein Brandbeschleuniger

Die Wurzeln dieser Kreuzritterideologie reichen weit zurück. Es bedurfte nicht der Initialzündung der islamistisch inspirierten Terroranschläge vom 11.September 2001, um sie zu befeuern. Aber das Fanal von New York hat wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Jeglicher Spielart der Islamphobie liegt die Suche nach Sündenböcken zugrunde. Das hat die aktuellste Version von Fremdenfeindlichkeit mit dem Antisemitismus gemein. Sie ist der Reflex auf die Rückkehr des Islams nach Europa - und sämtliche Probleme, die damit einhergehen. Davon gibt es zweifellos viele. Und es soll hier keineswegs der Eindruck erweckt werden, als sei jede Kritik am Islam und seinen Verfechtern mit dem Kulturrassismus gleichzusetzen, der die wahnhaften Ideen eines Anders Breivik durchgeistert. Aber die Grenzen sind fließend. Es gibt eine breite Grauzone zwischen legitimer, an konkreten Missständen anknüpfender Kritik und einer von irrationalen Ängsten oder gar Hass gefärbten Gesinnung.

Das Schreckbild Islam befördert eine Abschottungsmentalität gegenüber muslimischen Einwanderern bis weit hinein in bürgerliche Kreise. Welches Verstörungspotenzial dieses Thema birgt, hat spätestens der Massenabsatz jenes mit einschlägigen Ressentiments gespickten Buches von Thilo Sarrazin offenbart, das die Republik vor knapp einem Jahr in Wallung versetzt hat. Umfragen und wissenschaftliche Studien dokumentieren, dass Islamfeindlichkeit salonfähig geworden ist.

Anders Behring Breivik ist ein fanatischer Einzelkämpfer und für seine Gräueltaten allein verantwortlich. In welchem Milieu er sich - wenn auch nur virtuell - bewegt hat, sagt aber viel über die politische Kultur in Europa aus. Es wird nicht damit getan sein, Breivik den Prozess zu machen und künftig das Internet etwas gründlicher nach rechter Hetzpropaganda zu durchforsten. Die Radikalisierungstendenzen einer sich schleichend ausbreitenden Islamfeindlichkeit verlangen danach, den Problemen der Integration forciert zu begegnen und Parallelwelten keine Nischen zu bieten. Der Ungeist, der sich ob solcher Phänomene breitgemacht hat, erfordert aber auch ein mutiges Bekenntnis zu einer toleranten, weltoffenen Gesellschaft.




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