Kommentar zu Olympia Schelte steht in keinem Verhältnis

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Ja, wir warten auf die erste Medaille. Aber die Schelte, die die deutschen Olympiateilnehmer ertragen müssen, steht in keinem Verhältnis zum gewohnten geringen Interesse an ihren Sportarten.

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London - Wer hat sich in den vergangenen vier Jahren um den Säbelfechter Nicolas Limbach gekümmert? Wer hat den sportlichen Werdegang der Sportschützin Christine Wenzel verfolgt? Und wer hat mal der Radrennfahrerin Ina-Yoko Teutenberg zugeguckt?

Fast niemand – so wird die Antwort lauten. Dieses verschwindend geringe Interesse nicht nur an diesen, sondern an den meisten deutschen Olympiateilnehmern steht in keinem Verhältnis zur Schelte nach einem olympischen Auftaktwochenende ohne deutsche Medaille. Plötzlich werden ausgerechnet jene, um die sich kaum einer schert, kollektiv als Versager abgestempelt. „Über uns lachen sogar die Kasachen“, lästert „Bild“, weil die kasachische Gewichtheberin Sulfija Tschinschanlo schon Gold holte – und Limbach leer ausging.

Die Probleme sind hausgemacht. Die Fernsehanstalten berichten selten über einen der weltbesten Fechter. Plötzlich aber sollen Limbach und die anderen Nischensportler eine Medaille nach der anderen gewinnen und der deutschen Olympia-Herrlichkeit wunderbare Geschichten liefern. Dabei bekommen Limbach, Wenzel und Teutenberg in den vier Jahren zwischen den Spielen überhaupt keine Plattform. Das Fernsehen zeigt Fußball – von der Champions League bis hinunter in die dritte Liga. Was die Fernsehpräsenz bewirken kann, zeigt das Beispiel Biathlon. Die frühere Nischensportart wird gut in Szene gesetzt – und damit kommen Sponsoren an Land und mit ihnen entwickelt sich die für sportliche Höchstleistungen so wichtige finanzielle Unabhängigkeit.

Sulfija Tschinschanlo kann sich ihrer Unterstützung gewiss sein – Kasachstan ist stolz auf sie und fördert sie. Anders geht es da deutschen Nischensportlern, die arbeiten oder studieren müssen, um zu überleben oder für die Zukunft gewappnet zu sein. Die Sportförderung lässt in Disziplinen wie Fechten, Schießen und Frauenradsport oft zu wünschen übrig – und das Fernsehen (und seine Konsumenten) lassen die Randsportarten fallen wie heiße Kartoffeln. Dann muss es die „Fußball-Nation“ Deutschland eben auch einmal aushalten, wenn das erste Olympia-Wochenende medaillenlos über die Bühne geht.

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