Kommentar zu Schusters Wirken Offizielle Verabschiedung von OB Wolfgang Schuster

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Wolfgang Schuster Foto: Steinert

Am Samstagabend wird er offiziell in den Ruhestand verabschiedet: Wolfgang Schuster hat aus Stuttgart eine moderne Großstadt gemacht, befindet der StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs. Doch zu seinem Erbe gehört auch die Spaltung der Bürgerschaft.

Chefredaktion: Joachim Dorfs (jd)
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Stuttgart - Die 16 Jahre, die Wolfgang Schuster die Geschicke Stuttgarts lenkt, sind in der Politik eine Ewigkeit. 1997, im Jahr seines Amtsantritts, ist Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler. Lady Diana verunglückt in Paris. Hongkong wird an China zurückgegeben. Abseits der Bestimmungen der baden-württembergischen Kommunalverfassung können nur die allerwenigsten Politiker 16 Jahre in herausgehobener Position gestalten. „Der Einzelne ist nichts, das Team ist alles“, gehört zu den modernen Führungsweisheiten. Unfug. Der Einzelne macht einen Unterschied, wie man bei Wolfgang Schuster sieht. Das Amt des Stuttgarter OB bietet große Gestaltungsmöglichkeiten, und es hat 16 Jahre lang einen Inhaber gehabt, der es energiegeladen ausgefüllt hat.

Schuster hat Stuttgart verändert. Natürlich nicht er allein, doch es waren seine treibende Kraft und sein atemloser Gestaltungswille, die diese Stadt geprägt haben. Es war Schuster, der sich frühzeitig die Maxime des „kinderfreundlichen Stuttgart“ auf die Fahne geschrieben hat, der den Begriff einer notwendigen „Willkommenskultur“ für Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund prägte – lange bevor die schulische Bildung von Sätzen wie „Kein Kind darf verloren gehen“ bestimmt war. Es ist wohl Schusters größtes Verdienst, Stuttgart von einer gemütlich-provinziellen „Großstadt zwischen Wald und Reben“ zu einer deutlich moderneren und weltoffeneren Metropole verwandelt zu haben.

Stuttgart liegt überall auf den vorderen Rängen

Egal in welchem Städtevergleich: Stuttgart liegt heute fast immer auf einem der vorderen Ränge. Die Landeshauptstadt ­gehört zu den sichersten, innovativsten, wirtschaftsstärksten, saubersten, kinderfreundlichsten Städten Deutschlands und der Welt, sie ist kulturell in vielen Bereichen führend, sie ist praktisch schuldenfrei, ihre Einwohner loben die hohe Lebensqualität. Sogar die Lebenserwartung ist hier höher als anderswo in der Republik, fand vor Kurzem der „Stern“ heraus. Nun ist nicht alles davon der Person Wolfgang Schuster zuzuschreiben. Andererseits: wer eine so erfolgreiche Stadt über viele Jahre geführt hat, der muss vieles richtig gemacht haben.

Getreu der Erfahrung, dass in der größten Stärke eines Menschen auch seine größte Schwäche liegt, hat Schuster bei ­seinem Parforceritt jedoch nicht alle Stuttgarter mitgenommen. Diejenigen, die dem OB nicht folgen wollen, hadern mit der Schuster’schen Interpretation der Moderne. Sie kritisieren Investorenarchitektur und Machbarkeitswahn.

Auch die Spaltung des Bürgertums ist sein Erbe

Schuster, der eher distanziert-intellektuell als zupackend-bodenständig ist, muss sich vorwerfen lassen, sich um jene nicht genug gekümmert zu haben, die seine Visi­onen nicht geteilt haben. Er war zum Teil zu sehr Verwaltungsfachmann und Jurist und zu wenig Instinktpolitiker oder Bürger. Das zeigt sich am deutlichsten in der Auseinandersetzung über Stuttgart 21, die mit den aktuellen Finanzierungsproblemen wieder an Schärfe gewinnt. So hinterlässt Schuster eine zwar objektiv prosperierende Stadt, in der subjektiven Nahaufnahme ist jedoch auch die Spaltung der Bürgerschaft sein Erbe. Nicht nur, aber auch so erklärt sich, dass es der CDU nicht gelungen ist, ihren Kandidaten als Schuster-Nachfolger im Rathaus zu platzieren. Jetzt werden Brücken gesucht, die eine Verständigung zwischen den entfremdeten Lagern herstellen.

Als der Kulturbürgermeister Wolfgang Schuster im Januar 1997 Nachfolger des allseits geschätzten Manfred Rommel wurde, war die Rede von den großen Fußstapfen, die der neue Oberbürgermeister auszufüllen habe. Heute hinterlässt Schuster Spuren ähnlicher Größe, wenn auch in anderer Form. Sein Nachfolger Fritz Kuhn wäre gut beraten, in einigen Feldern seinen Fußabdruck durchaus mit dem Schusters zu messen – und sich in anderen ganz gezielt auf neue Wege zu begeben.

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