Kommentar zu Stuttgart 21 Stresstest für alle Beteiligten

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Die einen streiten, die anderen sind genervt. Und Heiner Geißler verwirrt sie alle, kommentiert StZ-Redakteur Holger Gayer.  

Schlichter Heiner Geißler im Blitzlichtgewitter. Foto: dpa
Schlichter Heiner Geißler im Blitzlichtgewitter. Foto: dpa

Stuttgart - Wie gerne hätte man die nächste Betrachtung über Stuttgart 21 mit einer überraschenden Erkenntnis begonnen. Etwa so: nach dem Stresstest rufen die Streithähne nun in die gleiche Richtung. Oder, noch besser: Der angejahrte Zankapfel ist gegessen. Aber, zugegeben, das waren nach zehn Stunden Stresstestpräsentationswahnsinn nur Tagträume, kurz und vergänglich. Die Realität war trotz aller Aufregung im Rathaus - und davor auf dem Marktplatz

 

- langweiliger. Sie lautet so: die fundamentalen Minderheiten beider Seiten beharken sich wie eh und je; die genervte Mehrheit steht dazwischen - und mag nicht mehr.

Doch dann kam Heiner Geißler und bewies wieder einmal, dass er - wollte man ihn mit einem Begriff aus der Chemie charakterisieren - ein frei schwebendes Atom ist. Nach der vollkommen zutreffenden Einschätzung, dass in Stuttgart längst eine "erbitterte und verbiesterte" Diskussion geführt werde, glitt er peinlich ab und fragte gar, ob die Kontrahenten die Auseinandersetzung nach Art der Nazis zu führen gedächten: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr den totalen Sieg?" Dem wolle er einen Vorschlag entgegensetzen mit der Überschrift "Frieden in Stuttgart".

Papier wird Ziel kaum erreichen

Abgesehen von der verbalen Entgleisung, die gerade einem Mann seines Alters und Intellekts nicht widerfahren sollte, wird sein Papier wohl kaum sein Ziel erreichen. Geißler schlägt die Variante eines altbekannten und längst verworfenen Kompromisses vor: vier Ferngleise in den Tunnel, der Nahverkehr soll oben bleiben und in den bestehenden Kopfbahnhof einfahren.

Ob der Schlichter da gewusst hat, was er tat? Immerhin, es leitet ihn ein hehres Ziel: Er will Frieden schaffen. Doch mit der Realität hat sein Vorschlag im Lichte der planerischen Situation noch weniger zu tun als die Kopfbahnhof-Alternative der Gegner. Selbst wenn der 81-Jährige nun sagt, dass seine Idee nicht im Wolkenkuckucksheim, sondern in Zusammenarbeit mit den Experten von SMA in Zürich entstanden sei und einen bekannten Vorschlag aufgreife, so bleibt doch festzuhalten, dass es keinerlei konkrete Planung dazu gibt, keine Finanzierung, kein gar nix.

Heiner Geißler hat alles gegeben

Würde sich irgendeiner der Projektpartner ernsthaft damit befassen wollen, blieben die gesamten Kernfragen des Konflikts erhalten. Bestehende Verträge müssten aufgelöst werden, es fielen Ausstiegskosten in unbekannter Größe an, und es würde Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte dauern, ehe wieder eine belastbare Planung mit Realisierungschancen vorläge.

Heiner Geißler hat alles gegeben, aber leider nicht alles erreicht. Das war auch kaum zu erwarten. Mit dem Abbruch des Nordflügels des Hauptbahnhofs begann im Sommer 2010 eine dramatische Phase: OB Schuster saß im Weindorf, der Wutbürger auf den Barrikaden. Am 30. September hat der Wasserwerfer den Bürger getroffen, am 27.März zielte der Bürger auf den Mappus. Was unterwegs verloren ging, ist der schwäbische Liberalismus - jene Haltung, die von Reinhold Maier, dem ersten Ministerpräsidenten des Landes, bis zum letzten Stuttgarter Oberbürgermeister vor Schuster, Manfred Rommel, gepflegt wurde. Wichtigstes Merkmal dieses Denkens ist der Respekt vor der Meinung des jeweils anderen.

Angriffe unter der Gürtellinie

Davon war leider auch am Freitag nicht viel zu spüren bei der Fortsetzung des Faktenchecks nach Geißler-Art. In der Sache sind Gegner und Befürworter von Stuttgart21 soweit voneinander entfernt, dass sie sich bisweilen zu verbalen Angriffen hinreißen lassen, die auch unter die Gürtellinie zielen.

Am Ende verließ das Aktionsbündnis gestern zu vorgerückter Stunde den Saal mit bösen Worten gegen die Bahn und der bekannten Forderung nach einem Bau- und Vergabestopp. Die Befürworterseite blieb sitzen und dankte Heiner Geißler - in der schieren Gewissheit, dass die Vergabefrist für fast zwanzig Prozent aller S-21-Aufträge an diesem Wochenende ausläuft.

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