Kommentar zu Syrien Syrien hilft nur eine Intervention

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Die Lage in Syrien wird immer unübersichtlicher. Das Regime nimmt im Kampf gegen die Rebellen keinerlei Rücksicht auf die eigene Bevölkerung. Ohne Eingriff von außen werden die Kämpfe im Land in einem Inferno enden, meint StZ-Korrespondent Martin Gehlen.

Die Zerstörungen in Damaskus erreichen fast alle Stadtteile. Foto: dpa
Die Zerstörungen in Damaskus erreichen fast alle Stadtteile. Foto: dpa

Damaskus - Syrien ist auf dem Weg zur Hölle. UN-Sicherheitsrat hin oder her, ob sie es riskieren will oder nicht: die internationale Gemeinschaft wird in absehbarer Zeit in dem Land intervenieren müssen. Die Verbrechen werden von Tag zu Tag grässlicher, das Massaker in Daraja vom Wochenende und die Luftangriffe auf Dörfer am Dienstag sind nur die jüngsten Beispiele. Die Zahl der Flüchtlinge droht die Anrainerstaaten zu übermannen. Und bei der Eskalation der Kämpfe scheint es kein Halten mehr zu geben. Immer systematischer greift Assads Armee aus der Luft mit Hubschraubern und Kampfjets an, weil ihre Bodentruppen keinen Vorstoß in die umkämpften Areale mehr wagen.

In Aazaz, wo Rebellen eine Post-Assad-Enklave ausgerufen hatten, richtete ein MiG-Jäger mit Raketen ein Inferno an – 20 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Auch kann niemand garantieren, ob nicht völlig enthemmte Eliteeinheiten am Ende doch mit Giftgas auf Rebellenviertel in den Städten losgehen. Tausende von Toten und Massenpaniken im ganzen Land wären die Folge. Eingeklemmt zwischen den Fronten erleben bereits jetzt Hunderttausende von Familien den Albtraum ihres Lebens. Mindestens zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht. Viele von ihnen stehen vor dem Nichts, selbst wenn eines Tages die Waffen schweigen.

Der Flüchtlingsstrom ist für die Region eine Katastrophe

Vor allem aber werden die Chemiewaffenvorräte Assads ein Eingreifen erzwingen. Entweder während des Bürgerkriegs, sollte der Diktator die teuflischen Substanzen tatsächlich einsetzen. Oder nach seinem Sturz, damit das tödliche Gas nicht versprengten loyalen Truppenteilen, der Hisbollah oder ausländischen Dschihadisten in die Hände fällt. Solches Kriegsmaterial kann auf keinen Fall sich selbst überlassen bleiben. Bis zu 60 000 Soldaten, so schätzt das Pentagon, könnten notwendig sein, um diese Giftwaffen in einer Großaktion zu neutralisieren. Das käme einer Invasionsarmee nahezu in der Größenordnung des Irakfeldzugs gleich.

Gleichzeitig entwickelt sich der Massenexodus aus Syrien zur größten Flüchtlingskatastrophe des Nahen Ostens in der jüngeren Geschichte. Es ist richtig, dass die Hauptlast der Aufnahme zunächst einmal den Anrainerstaaten zugemutet wird. Doch inzwischen kommen diese, wie etwa Jordanien und Libanon, selbst ins Trudeln. Die Geflohenen zu ernähren, die Verwundeten zu versorgen und die seit anderthalb Jahren nicht mehr zur Schule gegangenen Kinder wieder zu unterrichten – die internationale Gemeinschaft wird die Helferländer noch in ganz anderen Dimensionen unterstützen müssen als bisher. Denn die meisten Familien können selbst dann nicht sofort zurück, wenn das Assad-Regime stürzt. Ihre Häuser sind Ruinen, Schulen und Krankenhäuser, Bäckereien und Felder sind zerstört, Strom und Wasserversorgung nicht mehr vorhanden.

Städte wie Homs, Hama, Rastan oder Deraa müssen wieder aufgebaut werden. Hunderttausende haben alles verloren, ihre Angehörigen, ihre Wohnungen, ihre Existenz und ihr Vertrauen in die Zukunft. Inzwischen plädieren die Türkei, die USA und Frankreich für begrenzte Flugverbotszonen, die der syrischen Zivilbevölkerung zumindest in den Randregionen einen Mindestschutz garantieren könnten. Die USA bringen Spezialkräfte gegen die Chemiewaffen in Stellung und planen, größere Vorräte an Lebensmitteln und Medizin in der Region zu deponieren. Deutschland assistiert der zerstrittenen Opposition bei ihren Planungen. Und Italien bündelt die Initiativen in einem Gipfel für die Zeit nach Assad. Allen aber dürfte inzwischen klar sein: was in Syrien in den nächsten Monaten und Jahren auf die Weltgemeinschaft zukommt, das wird wesentlich umfassender sein, viel länger dauern und weitaus kostspieliger werden als die 7587 Nato-Luftangriffe auf Libyen.