Kommentar zu Tengelmann Auf dem Rücken der Belegschaft

Die Tarifeinigung hat nur einen Wert für die Beschäftigten von Tengelmann, wenn die Übernahme durch den Konkurrenten Edeka gelingt. Der Deal steht momentan aber auf der Kippe. Foto: dpa
Die Tarifeinigung hat nur einen Wert für die Beschäftigten von Tengelmann, wenn die Übernahme durch den Konkurrenten Edeka gelingt. Der Deal steht momentan aber auf der Kippe. Foto: dpa

Die Zerschlagung des Traditionsunternehmens Kaiser’s Tengelmann steht nicht kurz bevor, sie hat vor mehr als 15 Jahren begonnen. Für einen Kompromiss auch im Sinne der Beschäftigten ist es noch nicht zu spät, meint Wirtschaftsredakteur Thomas Thieme.

Wirtschaft: Thomas Thieme (tht)
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Stuttgart - Kaiser’s und Tengelmann sind mit ihrer jeweils weit über einhundertjährigen Firmenhistorie ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte. Allerdings ist den Beschäftigten mittlerweile nichts mehr zu wünschen, als dass die beiden Marken bald von der Bildfläche verschwinden. Dann wäre nämlich doch noch eine Lösung im festgefahrenen Bieterwettstreit um die letzten rund 430 verbliebenen Filialen der Supermarktkette gefunden worden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass auch die mit großem Druck der Hamburger Edeka-Konzernzentrale erwirkten Tarifeinigungen für die Tengelmann-Belegschaft lange ohne Wert bleiben.

Das wäre dann der Fall, wenn die Rechtsstreitigkeiten um Edeka und Tengelmann andauern, möglicherweise noch um Klagen des Bundeswirtschaftsministeriums und von Edeka vor dem Bundesgerichtshof ergänzt werden und schlimmstenfalls über weitere Jahre die Anwälte und Richter beschäftigen.

Mehrere Wettbewerber könnten in den Deal einsteigen

Beenden könnte das Ringen allein Karl-Erivan Haub, Tengelmann-Chef und Miteigentümer. Er sollte sich von der Idee verabschieden, das Erbe seiner Familie in die Hände eines einzigen Wettbewerbers zu legen und stattdessen endlich eine außergerichtliche Kompromisslösung anstreben. Wenn mehrere Konkurrenten zum Zuge kämen, wären mit einem Schlag alle Seiten befriedigt. Edeka erhielte einen Teil des Filialnetzes – ein Vorschlag, den der Branchenprimus selbst zu einem früheren Zeitpunkt des Übernahmepokers gemacht hat. Rewe könnte mit einsteigen, genauso wie die Schweizer Migros-Gruppe im Süden und die Kieler Coop Genossenschaft im Norden. Das Bundeskartellamt würde sich einer solchen Aufteilung ganz bestimmt nicht verschließen.

Dieser Weg wäre die logische Fortsetzung des jüngsten und wahrscheinlich finalen Kapitels in der Firmengeschichte von Kaiser’s Tengelmann: Kurz vor der Jahrtausendwende gab es bundesweit mehr als 1300 Kaiser’s- und Tengelmann-Märkte. Seither wurden gut 870 entweder zunächst in Plus-Discountmärkte umgewandelt und dann an Edeka verkauft oder direkt an Edeka, Rewe sowie Tegut verkauft oder geschlossen. Tengelmann kann also gar nicht vor der Zerschlagung stehen. Denn die hat bereits vor mehr als 15 Jahren begonnen.

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