Xavier Naidoo und seine rechte Gesinnung Naidoos perfides Spiel mit Sprache

Von Markus Brinkmann 

Seit mehr als einer Woche schüttelt die Nation über ihn und sein umstrittenes Lied „Marionetten“ den Kopf. Jetzt räumte Xavier Naidoo erstmals ein, der „überzeichnete“ Songtext mag missverständlich sein. Ihn als Spinner abzutun wäre jedenfalls gefährlich, kommentiert Markus Brinkmann.

Musiker Xavier Naidoo (45) hält den umstrittenen Song „Marionetten“ seiner Band Söhne Mannheims für möglicherweise missverständlich. Foto: dpa
Musiker Xavier Naidoo (45) hält den umstrittenen Song „Marionetten“ seiner Band Söhne Mannheims für möglicherweise missverständlich. Foto: dpa

Mannheim - Man könnte es sich einfach machen: ­Xavier Naidoo war schon immer gegen das System der Bundesrepublik. Immerhin sang er bereits vor seinen Auftritten bei den Reichsbürgern im Jahr 2014 davon, dass das Babylon-System sterben müsse. In Reggae- und Hip-Hop-Texten etwa von Bob Marley, Gentleman oder auch von der Stuttgarter Band Freundeskreis taucht dieser Begriff immer wieder auf – und kaum einer käme auf die Idee sie in die rechte Ecke zu stellen. Mit dem Begriff „Babylon“ meinen – tendenziell eher linke – Musiker die westliche Zivilisation, oder genauer: den Kapitalismus. Die Idee entstammt der religiösen Gemeinschaft der Rastafari in Jamaika. Für sie steht Babylon für Sünde und Ungläubigkeit und bezieht sich auf die biblischen Legende des Turmbaus zu Babel. Rastafaris bezeichnen damit die Lebensweise der Weißen im Westen.

Wenn Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims in ihrem neuen Song „Marionetten“ also von „Puppenspielern“, „Sachverwaltern“ und „Volks-in-die-Fresse-Tretern“ singen, dann könnte man diese Zeilen auch ganz in dieser Tradition deuten. Zumal es in dem Text heißt: „Bis sie euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen!“ – sie also explizit auf diese Deutung Bezug nehmen. Auch in früheren Alben haben sie sich schon an den Ideen der Rastafaris bedient, etwa als sie 2000 ihr erstes Album Zion nannten. Zion steht demnach für das gelobte Land – also das Gegenteil von Babylon. Wird der Text des neuen Songs also einfach nur falsch gedeutet? Oder ist er möglicherweise „missverständlich“, wie Naidoo selbst sagt? Kritik am politischen System gehört schließlich schon immer zur Popmusik – zugegebenermaßen meist von links.

Verschwörungstheorien und Nazi-Motive

Nein, ganz so einfach ist es nicht. Wer sich etwas weiter mit dem Begriff Babylon beschäftigt, stößt auch darauf: Die Nationalsozialisten spielten ebenfalls auf das Motiv an, als sie das Dritte Reich das Tausendjährige Reich nannten. Und: Neben der Bezeichnung waren auch die Feindbilder die gleichen.

Dazu wiederum passt Naidoos krudes Weltbild. Er glaubt daran, dass Deutschland immer noch besetzt sei und keine gültige Verfassung habe – deshalb würden immer noch die Gesetze des Dritten Reichs gelten. Und sogar den Terror-Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 hält er für eine kontrollierte Sprengung. Immer wieder vertritt Xavier Naidoo solche Ansichten und Anspielungen öffentlich, schreibt Songs, verbreitet Verschwörungstheorien mit solchen Themen und lässt sich von rechtsradikalen Reichsbürgern dafür feiern. Er distanziert sich auch nicht von dieser Gruppe, die vom Verfassungsschutz überwacht wird.

Unterschwellig rechtes Gedankengut verbreitet

Deshalb sind die Aufregung und die Empörung der Politiker und Medien gerechtfertigt. Xavier Naidoos Songs ohne den Hintergrund seiner Ansichten zu betrachten verharmlost seine Texte. Was daher kommt wie der Song einer linken Hip-Hop-Gruppe verbreitet unterschwellig rechtes Gedankengut – wie der Wolf im Schafspelz. Gepaart mit seinem religiösen Eifer ist das besonders perfide und irreführend. Es verschleiert, wofür Xavier Naidoo wirklich steht und was er eigentlich will. Deshalb muss man darauf hinweisen. Denn er verkaufte in seiner Karriere bislang bereits mehr als 3,5 Millionen Platten. Seine Youtube-Videos haben zum Teil mehr als 30 Millionen Klicks. Seine Heimatstadt Mannheim schmückt sich gerne mit ihm. So jemand hat Einfluss. Seine schauerlichen Theorien, die den Glauben an unsere Grundwerte und an die Institutionen untergraben, erreichen Millionen. Ihn als Spinner abzutun wäre gefährlich.

Markus.Brinkmann@stzn.de