Der angekündigte Streik der Kassenärzte ist überzogen, findet der StZ-Redakteur Christoph Link. Die Mediziner sollten sich für mehr Gerechtigkeit bei der Honorarverteilung einsetzen.

Stuttgart - Nun stehen die Zeichen also auf Streik, wenngleich der Begriff bei den niedergelassenen Ärzten verpönt ist. Denn Kassenärzte dürfen eigentlich nicht streiken. Sprechen wir also korrekt von geplanten Praxisschließungen, mit denen protestiert werden soll gegen die in einem Schlichterspruch vorgeschlagene Honorarsteigerung um 0,92 Prozent. Auf den ersten Blick erscheint das Angebot in der Tat mager. Es wirft die Frage auf, ob es nicht legitim ist, dass Ärzte in den Arbeitskampf ziehen, vor allem, wenn man die vergleichsweise hohen Lohnabschlüsse anderer Tarifgruppen in jüngster Zeit zum Vergleich heranzieht. Müsste nicht zumindest die Inflationsrate ausgeglichen werden? Warum soll man Ärzten verwehren, was Lokführern und Flugbegleitern erlaubt ist – ihr Anliegen mit Streiks durchzusetzen?

 

Die Antwort ist einfach: Weil Ärzte keine Lokführer sind und Ärztinnen keine Stewardessen. Sie befördern niemand von A nach B, sie entscheiden über Gesundheit, Lebensqualität, Leben und Tod. Dem Beruf des Arztes wird in der Gesellschaft noch ein hoher Respekt entgegengebracht, er ist mit großer Verantwortung verbunden. Die Hürden für ein – im Übrigen für den Staat teures – Medizinstudium sind hoch, der Andrang trotzdem gewaltig. Immer noch gehören Kassenärzte zu den am besten bezahlten Berufsgruppen in Deutschland. Sie genießen die Vorteile von Freiberuflern und können dank der Kassenzulassung auf stabile Einkünfte bauen. Ein niedergelassener Arzt verdient im Durchschnitt laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung 5442 Euro netto im Monat. Glaubt man den Kassen, gab es 2009 einen kräftigen Honorarzuschlag, dann aber eine von der schwarz-gelben Bundesregierung wegen der Krise verordnete zweijährige Zwangspause. Aber binnen sieben Jahren (von 2003 bis 2010) seien die Ärzteeinkommen um fast ein Drittel gestiegen. Wenn Ärzte heute jammern, dann tun sie es auf hohem Niveau.

Geklagt wird über die Belastung, nicht das Geld

Laut einer Allensbach-Umfrage ist eine überwältigende Mehrheit der Ärzte mit der wirtschaftlichen Lage ihrer Praxis zufrieden, klagt aber über eine zunehmende Belastung. Was soll dann ein Streik? Es scheint so, als ob sich die Ärztefunktionäre – geblendet von der eigenen hohen Eingangsforderung (elf Prozent mehr!) – in eine Sackgasse manövriert haben. Auch die für eine Urabstimmung ungewöhnlich niedrige Zustimmungsrate von nur 75 Prozent für Protestaktionen signalisiert, dass vielen Ärzten ein Streik nicht behagt.

Statt sich in einen unwürdigen Arbeitskampf zu verzetteln, sollten die Mediziner über die Ungerechtigkeiten bei der internen Geldverteilung beraten. Das Honorarsystem ist so kompliziert, dass nur wenige Experten durchblicken. Aber augenfällig sind hohe Einkommensunterschiede – beispielsweise zwischen gut bezahlten Onkologen und schlechter bezahlten HNO-Ärzten und Hausärzten. Gerätemedizin wird besser entlohnt als sprechende Medizin. Auch, dass die Facharztdichte beispielsweise am Starnberger See extrem hoch ist, aber im Schwarzwald für Hausärzte nur schwer Nachfolger gefunden werden, ist ein Beleg für mangelnde Verteilungsgerechtigkeit.

Auch bei den Kassenverbänden fehlt das Feingefühl

Die Ärzteverbände zeigen im Honorarstreit bis jetzt eine ungewöhnliche Aggressivität. Aber auch das Verhalten des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zeugt nicht gerade von Feingefühl. Er ging gar mit einem Minus-Angebot in die erste Honorarrunde. Sowohl die GKV als auch die Kassenärztlichen Vereinigung sind Körperschaften des öffentlichen Rechts. Sie führen Aufgaben des Staates aus, regeln in der Selbstverwaltung die ärztliche Vergütung. Aber wie sich beide Gruppen bekämpfen, belegt den fehlenden Respekt gegenüber Partnern. Bei der nächsten Gesprächsrunde am Samstag haben beide Seiten die Gelegenheit zu zeigen, dass die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen noch funktioniert.