Bayern gegen Dortmund, das Finale der Champions League, ist der Höhepunkt des Fußballjahres und ein sporthistorischer Moment. Aber ist es mehr als nur Sport? Eher nicht, meint der StZ-Sportredakteur Tobias Schall.
Stuttgart - Kurz die Fakten des Abends: es geht um Fußball, um die wichtigste Trophäe im Vereinsfußball, ein Spiel mit weltweiter Strahlkraft. Es ist ein sporthistorisches Ereignis, erstmals bestreiten zwei deutsche Teams das Finale der Champions League. Oder ist es gar mehr?
Der „Spiegel“ schreibt von der „Fußballrepublik Deutschland“ und antwortet auf die von ihm gestellte Frage „Was das Champions-League-Finale über unser Land verrät“: das Endspiel sei unter anderem ein Erfolg für einen neuen Männertypus, der Sieg der netten Jungs über die alten Machos und das ewige deutsche Gerede von Leitwölfen. Die „Welt“ spricht vom Kampf des alten Deutschlands (Bayern) gegen das neue Deutschland (Dortmund). Und auf Pro Sieben will Stefan Raab morgen in seiner Talkshow wissen, was die Politik vom Fußball lernen könne. Ist das alles wirklich so, oder ist es am Ende doch nicht einfach nur ein besonderes Fußballspiel?
Jedes globale Ereignis, sei es ein Musikwettstreit oder ein Fußballspiel, wird heute oft krampfhaft überfrachtet und als Seismograf politischer und gesellschaftlicher Stimmungen genutzt – auf der Suche nach irgendeiner Interpretation, die vielleicht Grundsätzliches über den Zustand oder das Ansehen der Bundesrepublik verrät. Wer mag uns? Und wie sind wir so?
Sport kann manchmal auch nur Sport sein
Als beim Eurovision Song Contest vor einer Woche ein bescheidener deutscher Beitrag stimmenmäßig unterging, sagte der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber: „Ich will nicht sagen, 18 Punkte für Angela Merkel. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne.“ Ein Lied, abgestraft für Merkels Spardiktat in Europa? Eine Umfrage der BBC kam jüngst genau zum gegenteiligen Ergebnis: Deutschland wurde dabei zum beliebtesten Land der Welt gewählt.
Wie viel Deutschland steckt im deutschen Fußball? Und was sagt das Finale über die Republik aus? Dass die aktuell besten Mannschaften Europas made in Germany sind. Nicht weniger, nicht mehr. Sport kann einfach auch mal nur Sport sein.
Wer sucht, findet natürlich Überschneidungen von politischen und sportlichen Ereignissen und Entwicklungen. Mal gilt das Wunder von Bern 1954 als Auslöser des Wirtschaftswunders. Zum Rumpelfußball Ende der 1990er und Anfang des neuen Jahrtausends hieß es: Es wurde gekickt wie Kohl regierte – altbacken, bieder, öde. Die bemühten Vergleiche gehen bis hin zu den Hartz-Gesetzen und dem Umdenken im deutschen Fußball. Gerhard Schröder reformierte das Land, Jürgen Klinsmann den Fußball. Und heute, da Deutschland Europa wirtschaftlich dominiert, gibt es ein rein deutsches Endspiel, was auch in ausländischen Medien in diesen Tagen oft in Zusammenhang gesetzt wird. Zufall? Zufall! In den zurückliegenden Jahren der Eurokrise holten Teams aus England, Spanien und Italien den Champions-League-Titel.
Der Fußball hat seine eigenen Gesetze
Es gibt fraglos einen Zeitgeist und Entwicklungen, die sich im Fußball naturgemäß niederschlagen, etwa das Thema Integration. Niemand bestreitet das ernsthaft. Aber nicht in dem Maße, das gerne in den Sport projiziert wird. Der Profifußball ist ein Habitat mit eigenen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten und taugt deshalb weder als Vorbild oder als Abbild des Landes, noch lässt sich Grundsätzliches ablesen, wenn man den Zustand auf dem Rasen mit dem des Landes in Verbindung setzt.
Der Fußball hat zuletzt etwas geschafft, wovon das Land entfernt ist. Von „Panzern“ war früher die Rede, von teutonischer Urgewalt, wenn die Nationalelf mal wieder ein Finale erreichte. Und heute? Seit 2006 gibt es Sympathien für das Spiel der DFB-Elf, in dieser Saison für das der Bayern und Dortmunder – von Italien über Spanien und Holland bis nach England. Was sagt das über Deutschland aus? Nichts. Und über den deutschen Fußball? Viel.