Kommentar zum Chaos in Leonberg Das kann sich kein Autor ausdenken

Josefa Schmid bei ihrer Bewerbungsrede im Mai 2021. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Noch immer ist unklar, was OB Cohn Josefa Schmid vorwirft. Dafür kommen zum Teil bizarre Details ans Tageslicht.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Zumindest eine gute Nachricht war für die Region Leonberg in dieser Woche zu verzeichnen: Karstadt bleibt im Leo-Center! Um diese Entwicklung, die für Insider am Ende nicht wirklich überraschend gekommen ist, dauerhaft zu stabilisieren, darf es freilich kein „Weiter wie bisher“ geben.

 

Das Kaufhaus mit seiner breiten Warenpalette ist nach wie vor ein wichtiger Frequenzbringer für das Center. Doch in Zeiten des Online-Handels und des Erlebnis-Einkaufs, muss sich in Sachen Anmutung und Angebot dringend etwas tun. Das allerdings ist nicht die Aufgabe der Akteure vor Ort, die in das Geschäftsgebaren eines Privatunternehmens nicht eingreifen können. Hier ist das Konzernmanagement gefordert.

Doch so komplex eine nachhaltige Sicherung des Warenhausstandorts Leonberg zweifelsohne ist, ungleich schwieriger ist die Mission, in der Führungsspitze des Rathauses Ruhe einkehren zu lassen. Wir erinnern uns: Es ist eine Woche her, da wurde die Öffentlichkeit und der Gemeinderat von der Neuigkeit überrascht, dass die Erste Bürgermeisterin Josefa Schmid bis auf Weiteres keinen Zutritt zum Rathaus mehr hat. Ihr Chef, Oberbürgermeister Martin Georg Cohn, hat ihr die „Führung der Dienstgeschäfte untersagt“. Begründung: „zahlreiche schwerwiegende Dienstpflichtverletzungen.“

Unmut bei vielen Stadträten

Per dreizeiliger Mail wurde der Gemeinderat informiert. Das sorgt, wenngleich formal korrekt, bei vielen Stadträten dennoch für Unmut. Bisher war es üblich, wichtige Personalien gemeinsam zu erörtern. Doch weitere Erläuterungen reichte der OB erst auf Anfragen unserer Zeitung nach und gab diese dann auch an den Gemeinderat weiter. Die entscheidende Frage aber hat Cohn nicht beantwortet: Was hat sich die Frau aus Niederbayern zuschulden kommen lassen?

Nun ist das Verhältnis sich Chef und Stellvertreterin schon lange mehr als belastet. Sie hat ihn angezeigt, und auch er soll gegen sie vorgegangen sein. Die Verfahren bei der Staatsanwaltschaft und beim Regierungspräsidium laufen. Allein das ist ein weitgehend einmaliger Vorgang. Der Umstand, dass beide in einer Art Mediation zu einer Sachzusammenarbeit gebracht werden sollten, ebenso.

Dies ist nicht gelungen. Der OB sagt, dass seine Vize weder der Rathausbelegschaft noch der Bürgerschaft länger zumutbar wäre. Josefa Schmid wiederum wirft ihm eine Art „Bossing“ vor, also ein knallhartes Ausnutzen seiner Machtposition. Belegbar ist das alles nur schwerlich. Fakt ist, dass das Verhältnis zwischen beiden vom ersten Tag an regelrecht vergiftet war.

So gibt es offenbar eine ellenlange Liste an Vorwürfen, mit denen Cohn nachweisen will, dass Schmid, die auch in der Kommunal- und Landespolitik ihrer niederbayerischen Heimat nicht nur Freunde hat und im Unfrieden von der CSU zur FDP gewechselt ist, für ein kommunales Spitzenamt ungeeignet ist.

Neben dem mittlerweile bekannten Fall eines nicht korrekt ausgefüllten Dienstreiseantrages soll die oberbürgermeisterliche Mängelliste zudem fast schon bizarr anmutende Vergehen wie Falschparken oder zu langes Arbeiten am Abend beinhalten. Dass Schmid, was bei Führungskräften absolut unüblich ist, bei der Zeiterfassung mitmachen musste, ist ein offenes Geheimnis.

Was immer in diesem Dauerdrama noch ans Tageslicht kommen wird: Kein noch so fantasiebegabter Autor hätte sich solch eine abstruse Geschichte ausdenken können. Das Schlimme ist nur: Sie ist leider wahr. Noch schlimmer aber: Es gibt keinerlei Anzeichen, dass sie ein gutes Ende nehmen könnte.

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