Kommentar zum Doppelpass Deutschsein ist nicht exklusiv

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Der Bundestag hat per Gesetz den Doppelpass eingeführt. Künftig ist es also möglich, neben der deutschen eine zweite Staatsangehörigkeit zu besitzen. Ein überholtes Prinzip wird so endlich ausgehebelt, meint der StZ-Redakteur Armin Käfer.

Künftig gesetzlich geregelt: der Doppelpass. Foto: dpa
Künftig gesetzlich geregelt: der Doppelpass. Foto: dpa

Berlin - Am Freitagabend punkt 18 Uhr sendet die ARD eine Art Schulfunk in Sachen Staatsbürgerschaftsrecht. Man muss dabei nicht einmal das Viertelfinale der Fußball-WM verpassen. Wer das Spiel sehen will, kann live einen Eindruck davon gewinnen, wie fragwürdig das antiquierte Konzept der Nationalität geworden ist. Im Trikot der deutschen Nationalmannschaft werden einige Herren auflaufen, deren Namen nicht zwangsläufig darauf schließen lassen, dass sie einen deutschen Pass besitzen: Jerome Boateng zum Beispiel oder Mesut Özil. Sami Khedira besitzt sogar zwei verschiedene Pässe – ein Prototyp für das neue Gesetz, das der Bundestag am Donnerstag beschlossen hat.

Der Doppelpass wird Normalität. Bald können Deutsche auch Türken sein und umgekehrt. Wer in Deutschland zur Welt kommt, wird automatisch Deutscher, auch wenn seine Eltern Ausländer sind. Sofern er hier aufwächst, muss er auf das Privileg auch dann nicht mehr verzichten, wenn er zugleich die Staatsangehörigkeit der Vorfahren behalten möchte. Damit wird das sehr strikte und eher archaische Prinzip ausgehebelt, auf dem unser Staatsbürgerschaftsrecht beruht. Gemessen an der Sturheit, mit der diese Regel aus dem frühen 19. bis weit ins 21. Jahrhundert verteidigt worden ist, kommt das einer Revolution gleich.

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Die Novelle trägt dem Umstand Rechnung, dass mittlerweile viele Einwohner Deutschlands Namen wie Boateng, Özil oder Khedira tragen. In manchen Stadtvierteln und manchen Schulklassen haben sie die Mehrheit. Häufig sprechen sie ebenso gut oder gar besser Deutsch als andere, die Müller oder Schulze heißen. Es ist eine überholte Ansicht, die Verbundenheit mit unserem Land, seinen Werten, seiner Kultur und seiner Tradition an Äußerlichkeiten oder an der Herkunft der Eltern festmachen zu wollen. Der Doppelpass besiegelt das Eingeständnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Kritiker werfen die Frage auf, ob es der Integrationsbereitschaft von Ausländerkindern nicht dienlich wäre, wenn ihnen weiterhin abverlangt würde, dass sie sich für eine Staatsangehörigkeit entscheiden müssen: für Deutschland oder für das Herkunftsland ihrer Eltern. Solche Einwände verraten eine sehr statische Sichtweise. Die Nationalität eines Menschen ist nicht in seinem Gencode festgelegt. Die Identifikation mit einem Land wird entscheidend dadurch begünstigt, dass dieses Land jemand als vollwertigen Bürger anerkennt, auch wenn die Ahnen Fremde waren. Solche Erfahrungen waren schon vielen Deutschen vergönnt, die in der Fremde eine neue Heimat gefunden haben: etwa den Millionen, die einst nach Amerika ausgewandert sind.

Auf Dauer braucht es keine Vielzahl von Pässen

Das neue Staatsbürgerschaftsrecht hat andere Schwächen. Eine von ihnen ist, dass es die Eltern der künftigen Doppelpass-Besitzer völlig außer Acht lässt. Ihnen bleibt die doppelte Staatsbürgerschaft verwehrt. Das sind jedoch Menschen, die dem Land, dem sie Arbeit und Aufstieg verdanken, oftmals mehr verbunden sind als ihre Kinder. Natürlich könnten sie sich unter Umständen einbürgern lassen. Doch dafür sind die Hürden höher als für einen Doppelpass. Darüber hinaus spricht vieles dafür, mehrfache Staatsangehörigkeit nur übergangsweise zu dulden. Es ergibt wenig Sinn, wenn die Kinder der Doppelpass-Generation all deren Staatsangehörigkeiten auf sich versammeln. Im Laufe der Zeit werden sich je nach Lebensmittelpunkt neue Identitäten herausbilden, die auf Dauer nicht einer Vielzahl von Pässen bedürfen.

„Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren.“ So hat der Bundespräsident sein nationales Selbstverständnis umschrieben. Er hält es für aberwitzig zu glauben, es könne so etwas wie ein homogenes, abgeschlossenes, gewissermaßen einfarbiges Deutschland geben. Wer sich das wünscht, dürfte Khedira & Co nicht zujubeln, wenn sie für Deutschland siegen.