Kommentar zum Filderdialog Scherbenhaufen

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Der Filderdialog zu Stuttgart 21 steht vor dem Scheitern. Schuld sind eklatante Fehleinschätzungen und handwerkliche Fehler bei der Vorbereitung, meint Holger Gayer.

Moderator Ludwig Weitz Foto: Heinz Heiss
Moderator Ludwig Weitz Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Ohne Zweifel hatte Kurt Tucholsky einst wichtigere Themen zu behandeln als den Filderdialog zu Stuttgart 21. Nun aber, da das wesentliche Bürgerbeteiligungsprojekt der grün-roten Landesregierung seit dem Stuttgart-21-Volksentscheid zu scheitern droht, gelangt ein Kernsatz Tucholskys zu einer unerwarteten Aktualität: „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint.“

Gut gemeint war der Filderdialog in der Tat: betroffene Bürger sollten mitreden dürfen über eine verbesserungswürdige Planung, deren Auswirkungen sie direkt zu spüren bekommen hätten. Sie sollten mit den Experten von Bahn, Land, Bürgerinitiativen und Kommunen über Alternativen diskutieren und am Ende die bestmögliche Lösung finden für den Anschluss des Flughafens an den neuen Tiefbahnhof im Stuttgarter Talkessel, die Gäubahn und die Neubaustrecke nach Ulm. Und doch ist dieses Experiment in einer Art und Weise in die Binsen gegangen, die kaum zu fassen ist.

Eklatante Fehleinschätzungen

Selten hat man eine solche Aneinanderreihung von eklatanten Fehleinschätzungen und handwerklichen Fehlern gesehen wie bei den Vorbereitungen zum Filderdialog. Die Fehlerkette beginnt mit dem Konzept des Verfahrens: in einer Art von Mediation, die sich in kleineren Konflikten bewährt haben mag, wollte der vom Land auserwählte Moderator Ludwig Weitz in eine Auseinandersetzung gehen, die zu ihren Hochzeiten im Jahr 2010 Hunderttausende von Menschen auf die Straße gebracht hat.

Statt gleich zur Sache zu kommen und über Inhalte zu diskutieren, wollte Weitz im Tandem mit der Staatsrätin Gisela Erler den nun abgesagten ersten Tag des Filderdialogs mit einer Kennenlernrunde beginnen, deren Grundidee an basisdemokratische Jugendhauszeiten mit Vanilletee und Räucherstäbchen erinnert. Stattfinden sollte das Ganze mit einer Gruppe von 168 Menschen, die zur einen Hälfte aus alten Stuttgart-21-Hasen und zur anderen Hälfte aus bisher schweigsamen Bürgern besteht. Etwa 250 zufällig ausgewählte Personen hat Staatsrätin Erler am 14. Mai angeschrieben und um Teilnahme am Filderdialog gebeten. Und nun wundert sie sich, dass sich bis zum Einsendeschluss eine Woche später lediglich fünf Bürger gemeldet haben? Da darf man, höflich formuliert, schon fragen, wie es um den Realitätssinn des Duos Erler/Weitz bestellt ist…