Kommentar zum Musikfest Stuttgart An der Zeitenwende

Von Susanne Benda 

Die Internationale Bachakademie braucht nicht nur ein größeres Musikfest, sondern auch einen neuen Konzertsaal – und vor allem mehr jüngere Zuschauer, findet die Musikredakteurin Susanne Benda.

Das Musikfest soll größer werden, das Publikum jünger.Foto: dpa

Stuttgart - Als Tipping Point bezeichnen Forscher einen Punkt, an dem Systeme kippen, Entwicklungen abbrechen oder ihre Richtung ändern. Als Hans-Christoph Rademann vor zwei Jahren aus dem Bach-Collegium und der Gächinger Kantorei ein historisch informiert musizierendes Ensemble mit dem neu-alten Namen Gaechinger Cantorey machte, mochte man dies für einen Tipping Point halten. Tatsächlich jedoch scheint sich die Bachakademie diesem Moment erst jetzt allmählich zu nähern.

Das Musikfest Stuttgart 2018 war ein dramaturgisch fein durchdachtes Festival für Kenner und Genießer – ein wenig wortlastig vielleicht, aber das mag auch der Schwere des gewählten Mottos „Krieg und Frieden“ geschuldet sein, und die Vorträge und Gespräche hatten Gewicht. Ein Musikfest für die breite Masse war es ebenso wenig wie in den Jahren zuvor; selbst in Stuttgart mag mancher von diesem Ereignis kaum etwas wahrgenommen haben.

Nun ist eine neue Intendantin Katrin Zagrosek da, die sich noch wird einfinden müssen. Leicht unsicher wirkte ihr erster Auftritt beim Eröffnungskonzert, und tastend nur bewegt sich die Institution hin zu einem neuen Selbstbild, das sie nach außen tragen will – vor allem mit einem neuen, durch Kooperationen mit anderen Institutionen vergrößertes, strahlkräftigeres Musikfest. Dass lange Unsicherheit herrschte, wann das neue Festival erstmals stattfinden wird (nämlich erst 2020), zeugt für die Umbruchsituation am Stuttgarter Johann-Sebastian-Bach-Platz. Handeln muss die Bachakademie allerdings, dringend: Das neue Ensemble hat einen neuen Klang, der dringend nach einem neuen Konzertsaal verlangt, und – noch dringender, aber durchaus mit einem neuen Ort zusammenhängend – dem Publikum müssen jüngere Besucher zuwachsen. Die musikalische Qualität ist hoch, aber sie zu verkaufen, ist auch eine Kunst.

Und von einem Musikfest XXL, das auch mal nur mit Unterhaltendem, ja gar mit eingestreuten Events locken könnte, müsste die Seele der Backakademie nicht zwangsläufig Schaden nehmen. Die Zeiten ändern sich, und es wäre schön, wenn Rademanns Mannen aktiv dabei sein könnten – damit es das System Bachakademie nicht aus der demografischen Kurve trägt.