In Stuttgart hat nicht nur die CDU gewonnen. Vor allem hat der Chef der Grünen, Cem Özdemir, verloren und hat als Grünen-Kandidat für die Landeshauptstadt ausgedient, meint StZ-Lokalchef Holger Gayer.

Chefredaktion : Holger Gayer (hog)

Stuttgart - Die Flucht vor der Niederlage hat Cem Özdemir schon am Vormittag angetreten. Lapidar hatte der Bundesvorsitzende der Grünen seine Parteifreunde in der Landeshauptstadt wissen lassen, dass er am Abend nun doch in Berlin gebraucht werde und daher nicht in seiner vermeintlichen Wahlheimat Stuttgart Rede und Antwort stehen könne. Aber was hätte er seinen schwäbischen Parteifreunden auch sagen sollen? Dass sich der Bundestrend auch in der Kapitale von Kretschmann-Land gegen die Grünen gewendet hat? Dass die Partei auf die falschen Themen gesetzt hat? Dass es am Ende unmöglich war, gegen Angela Merkel und ihre Union einen Stich zu machen?

 

All das ist richtig – und doch nur ein Teil der Wahrheit. Özdemirs Schlappe gegen den CDU-Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann ist auch eine höchstpersönliche Niederlage des Polit-Imports aus Berlin. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Einerseits hat er sich mit seiner Wir-können-Stuttgart-21-vielleicht-doch-noch-verhindern-Strategie gegen den ebenso pragmatischen wie populären Ministerpräsidenten gestellt. Diese Position hat die bürgerlichen unter den Grünen-Wählern eher verstört und die hartleibigen S-21-Gegner nicht überzeugt. Andererseits hat es Özdemir nie geschafft, den Eindruck zu vermitteln, dass er ein Hiesiger sei – oder es zumindest werden wolle. Er wirkte eher wie einer, der sich unbedingt ins Geschichtsbuch eintragen wollte – als erster direkt gewählter Grünen-Abgeordneter in Baden-Württemberg. Dass er dafür sogar einen Erststimmenpakt mit der SPD geschmiedet hat, macht seine Pleite nun umso schlimmer. Mit Özdemir an der Spitze haben die erfolgsverwöhnten Grünen sogar ihren zweiten Platz in der Stuttgarter Parteienlandschaft an die leicht erholten Sozialdemokraten verloren. Als Grünen-Kandidat für die Landeshauptstadt dürfte der Bundesvorsitzende damit ausgedient haben. Wie die Partei in Berlin mit dem schwäbischen Verlierer umgeht, wird sich zeigen.

Seinen Sitz im Bundestag hat Özdemir sicher

Doch im Vergleich zu seiner FDP-Kollegin Judith Skudelny hat Özdemir wenigstens einen Sitz im Bundestag sicher – er zählt zu den vier Politikern, die Stuttgart auf jeden Fall in Berlin vertreten werden. Doch gehört es zu den bemerkenswerten Erkenntnissen dieser Wahl, dass es den Liberalen selbst an ihrer Wiege in Stuttgart und Baden-Württemberg nicht gelungen ist, den Rettungsanker zu werfen. Die FDP hat Schiffbruch erlitten – und noch ist in Stuttgart kein liberaler Superheld in Sicht, der die Partei wieder flottmachen könnte.

Ganz anders ist die Lage bei der CDU. Karin Maag, Stefan Kaufmann und all die anderen Protagonisten der Union haben es geschafft, dass die Wähler Stuttgart und die Region in ein tiefes Schwarz getaucht haben. Damit haben sie maßgeblich zu dem Kantersieg beigetragen, den Angela Merkel geholt hat. Und doch hat gerade die Stuttgarter CDU keinen Grund, sich zu lange im frischen Erfolg zu sonnen. In acht Monaten wird wieder gewählt. Dann geht es unter anderem um den Gemeinderat. Die dortigen Platzhirsche tragen immer noch Grün.

Die Ereignisse der Bundestagswahl können Sie hier nachlesen. Reaktionen der Stuttgarter Bundestagskandidaten im Rathaus zeigen wir im Video.