Die Sanierung der Stuttgarter Oper wird teuer. So teuer, dass mancher schon den Vergleich mit Hamburgs Elbphilharmonie zieht. Zu unrecht, kommentiert Tim Schleider. Das Stuttgarter Haus sei kein hohles Prestigeobjekt.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Die Elbphilharmonie in Hamburg zeigt, wie grotesk Kulturpolitik scheitern kann. Sicher, irgendwann werden in dem imposanten Bau an der Elbe schöne Konzerte zu erleben sein und irgendwann wird ein Kritiker mit Sicherheit schreiben, die Akustik dort sei wirklich fabelhaft. Dennoch bleibt das Projekt im Norden für lange Zeit ein Symbol politischer Unfähigkeit und kulturellen Imponiergehabes. Die Hamburger Elite wollte vor rund zehn Jahren vor allem eines: ein neues spektakuläres Wahrzeichen für ihre Stadt. Die Kultur diente dabei im wahrsten Sinne des Wortes nur als Haube. Wer daraus eine Lehre ziehen will, der ziehe doch diese: So bitte nie wieder!

Seit Donnerstag diskutieren viele Menschen in Stuttgart über ein mögliches Kulturprojekt in der eigenen Stadt: die Generalsanierung des Opernhauses, die nach einem bald zu veröffentlichenden Expertengutachten nicht 18 und auch nicht 55 Millionen Euro kosten wird (Summen, die früher mal im Spiel waren), sondern laut StZ-Informationen 250, wenn nicht gar 300 Millionen. Verbirgt sich dahinter womöglich die gleiche Großmannssucht wie bei den Hansestädtern im Norden? Wollen Intendanten und Architekten hier ihre Lebensträume verwirklichen, ohne daran zu denken, wie viele Schulen, Kindergärten, Sportstätten, Straßen in der Stadt derweil auf notdürftigste Ausbesserung warten? Kommt nach dem Desaster der Elbphilharmonie nun die Wahnsinnsarie der Eckenseeoper?

Die Stuttgarter Oper ist beliebt – nicht nur beim Bürgertum

Die Antwort lautet: Nein! Das Stuttgarter Opernhaus ist eben kein aufgesetztes Prestigeobjekt, sondern steht seit 101 Jahren mitten in der Stadt. Errichtet wurde es zwar noch als Hoftheater für den letzten württembergischen König, aber weil Wilhelm II. im Grunde ja schon ein halber Bürger war, ist auch sein Theater bei allen Schnörkeln hier und Krönchen dort von Anfang an ein Bürgertheater gewesen. Dass die Instandhaltung und Pflege der Gemäuer und der nötigen Technik über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt wurde, ist jedenfalls kein Ruhmesblatt für die mittlerweile regierenden Volksvertreter. Dass das Interesse der Menschen an ihrem Staatstheater und der hier gepflegten Kultur aber inzwischen so groß ist, dass es die Möglichkeiten des alten Baus längst übersteigt, sollte eigentlich alle Demokraten freuen.

Die Stadt braucht gute Kultur

Künstlerisch stehen die Stuttgarter Staatstheater gerade wieder glänzend da. Jossi Wieler an der Oper, Armin Petras im Schauspiel und Reid Anderson beim Tanz bieten gerade das, was der VfB in der Mercedes-Benz-Arena wohl so schnell nicht wieder zustande bringen wird – Bundesliga-Spitzenplätze. Wer immer noch glaubt, das hier gezeigte Theater sei nur etwas für die ohnehin Gebildeten und Betuchten, der pflegt uralte Vorurteile. Ob Junge Oper, „Ballett Jung“, Kinderkonzerte oder Stadtteilprojekte: die Staatstheater nehmen längst die Aufgabe wahr, ihre Spitzenkunst allen zu präsentieren, weil prinzipiell auch alle Bürger ein Recht darauf haben. Übrigens kostet die preiswerteste Karte für eine Theatervorstellung hier nicht 50 Euro, wie andernorts im Musicalhaus, sondern 8.

Weil also das Stuttgarter Opernhaus ein architektonischer Schatz der Stadt ist und weil unser Staatstheater vor Ideen und Projekten nur so strotzt, sollten sie es uns wert sein, das demnächst offene Gutachten der Bauexperten in Ruhe zu prüfen. Die Stadt braucht gute Schulen, sichere Straßen, bessere Luft. Die Stadt braucht aber auch die Energie, die nur Kunst und Kultur liefern können. Letztlich ist die hohe Kunst der Politik das Abwägen aller Interessen. Wenn, dann müsste ein gründlich renoviertes oder gar erweitertes Opernhaus ein großes, gemeinsames Projekt von Stadt und Land sein, mitgetragen von der Bürgerschaft, unterstützt von Unternehmen, die den Wert ihres Standortes erkennen. Warum sollte das nicht gelingen? Unser Theater ist es wert. Hamburg könnte staunen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Reid Anderson Armin Petras Jossi Wieler