Kommentar zum Transplantationsskandal Organe sauber verpflanzen

Ein Operationsteam bei der Arbeit Foto: dpa
Ein Operationsteam bei der Arbeit Foto: dpa

Dem Chirurgen Professor O., der sich vor dem Landgericht Göttingen verantworten muss, wird versuchter Totschlag in elf Fällen vorgeworfen. Die Medizin wird nur durch bessere Arbeit Vertrauen zurückgewinnen können, sagt der Leiter des StZ-Wissenschaftsressorts, Alexander Mäder.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Dem Chirurgen Professor O., der sich vor dem Landgericht Göttingen verantworten muss, wird versuchter Totschlag in elf Fällen vorgeworfen. Mit dieser rechtlichen Wertung bemüht sich die Staatsanwaltschaft Braunschweig, ein empörendes, aber juristisch schwer fassbares Vergehen einzuordnen. Es fehlen die niederen Beweggründe für einen Mord, und vor allem weiß man nicht, wer die elf Opfer sind. Es sind die Menschen, die eine Leber erhalten hätten, wenn O. sie nicht durch manipulierte Angaben für seine Patienten reklamiert hätte. In elf Fällen meint die Staatsanwaltschaft ihm nachweisen zu können, dass er absichtlich falsche medizinische Werte gemeldet hat, damit seine Patienten in der Warteliste nach oben rücken.

Der Vorwurf ist eine Frage der Statistik: Es gibt mehr Menschen auf der Warteliste, als Organe gespendet werden. Ende vergangenen Jahres zählte die Vergabestelle Eurotransplant in Deutschland 1815 Patienten, die eine Leber brauchen; im Laufe des Jahres waren nur 919 verpflanzt worden. Der Chirurg O. wird also an die Möglichkeit gedacht haben müssen, dass ein ihm unbekannter Patient auf der Warteliste stirbt, weil er ihm mit gefälschten Angaben das Organ wegschnappt. Das soll nun versuchter Totschlag sein.

Wurden die Regeln eingehalten?

In der Leberchirurgie zählt vor allem die Dringlichkeit. Es gibt zwar viele Zusatzregeln für bestimmte Krankheiten und Patientengruppen, doch im Wesentlichen werden die Menschen auf der Warteliste nach einer Zahl sortiert, die auf drei Laborwerten beruht. Es gibt durchaus Kritik an diesem System. Oft wird gefordert, stärker darauf zu achten, wie groß die Erfolgsaussichten einer Transplantation sind. Für manchen Patienten, so die Argumentation, kommt die neue Leber vielleicht schon zu spät. Aber vor Gericht wird nicht über die Regeln verhandelt, nach denen Organe zugeteilt werden, sondern darüber, ob sie eingehalten wurden. Die Spendenbereitschaft ist zurückgegangen, weil die Spender und ihre Angehörigen an der Zuverlässigkeit des Systems zweifeln. In Baden-Württemberg übrigens nicht – vermutlich, weil an keiner der hiesigen Kliniken Auffälligkeiten entdeckt wurden.

Seit der Skandal im Juli 2012 bekannt wurde, hat sich einiges getan. Die 25 Kliniken, die Lebern transplantieren, sind geprüft worden. Eine in München hat ihre Lizenz verloren; der Prüfbericht wird am 4. September veröffentlicht. Manipulationen der Warteliste werden künftig mit bis zu zwei Jahren Gefängnis geahndet. Kliniken haben Bonuszahlungen für Transplantationen abgeschafft. Und alle scheinen sich einig zu sein, dass endlich ein Register für Transplantationen eingerichtet werden muss, um die Qualität zu überwachen.

Auch die Eitelkeit der Ärzte kann Teil des Problems sein

Doch zwei kontroverse Punkte sind ungeklärt. Zum einen fordern nicht wenige, die Transplantationen unter staatliche Aufsicht zu stellen – zum Beispiel, indem man eine Bundesbehörde gründet und ihr die Koordination überträgt. Zum anderen raten viele dazu, die kleineren Transplantationszentren zu schließen, um an den verbliebenen Kliniken mit mehr Personal und Erfahrung an die Sache heranzugehen.

Der erste Vorschlag der stärkeren staatlichen Kontrolle verdankt sich dem Eindruck, dass die bisherigen Einrichtungen den Skandal nicht verhindert haben. Aber hätte eine Behörde dafür gesorgt, dass die Manipulationen schneller auffliegen? Das ist Spekulation. Der zweite Vorschlag hat hingegen ein wichtiges Argument auf seiner Seite: das Streben der Ärzte nach mehr Renommee. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Chirurgen O. vor, drei Patienten eine Leber eingepflanzt zu haben, obwohl sie diese gar nicht brauchten. Geld scheint nicht gezahlt worden zu sein. Es bleibt als plausibles Motiv: der Wunsch, mit höheren Operationszahlen zu glänzen. In großen Zentren würde dieses Motiv wegfallen.

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