Kommentar zur Bahn Fahrplan ins Chaos

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Das Bahnchaos in Mainz ist selbst verschuldet. Denn die Bahn leidet unter ihrem Sparkurs und ihrer kurzsichtigen Personalpolitik, meint der StZ-Autor Thomas Wüpper. Doch nicht nur das Management hat versagt.

Chaos in Mainz: Bahnchef Grube ist in Erklärungsnöten. Foto: dpa
Chaos in Mainz: Bahnchef Grube ist in Erklärungsnöten. Foto: dpa

Berlin - Ein Notfahrplan, viele Zugausfälle, Verspätungen noch bis mindestens Ende August – die Deutsche Bahn mutet Millionen von Fahrgästen und Pendlern nicht nur im Rhein-Main-Gebiet wieder einmal eine Menge zusätzlichen Stress und Ärger zu. Dieses Mal gibt es für Konzernchef Rüdiger Grube keine Ausrede. Weder eisige Winter oder hitzige Sommer noch unzuverlässige Zuglieferanten sind für das Mainzer Chaos verantwortlich. Diese Blamage hat der Staatskonzern durch sein krasses und fahrlässiges Missmanagement ganz alleine verschuldet.

Das Chaos war programmiert. Überraschend ist, dass es erst jetzt kommt. Denn schon seit Jahren warnen Betriebsräte und Gewerkschafter die Bahn-Spitze vor massiven Personalengpässen in zentralen Bereichen. Vor allem Lokführer und Fahrdienstleiter fehlen, was bei jedem Manager die Alarmglocken schrillen lassen sollte. Denn ohne die wichtigen Lotsen im Schienenverkehr funktioniert der Zugverkehr nicht – wie nun in Mainz der gesamten Republik drastisch vor Augen geführt wird.

Der Fehler liegt im System

Es ist daher unverfroren, dass die Bahn und die für ihre Kontrolle verantwortliche Bundesregierung zunächst die Öffentlichkeit glauben machen wollten, es gehe nur um einen bedauerlichen Einzelfall. Das Gegenteil ist richtig. Die Fehler liegen im System, und die verantwortlichen Manager, allen voran Netzvorstand Volker Kefer, haben offenkundig versagt. Doch auch die Kontrollmechanismen haben nicht gegriffen. Viel zu sehr stehen im größten deutschen Staatskonzern offenbar kurzfristige Rendite-, Spar- und Dividendenziele oder teure Großprojekte im Vordergrund statt ein zuverlässiger Zugbetrieb und eine solide Personalplanung. Der Netzbetrieb erhält jedes Jahr Milliardenzuschüsse vom Staat und liefert mit die höchsten Gewinne an den Konzern ab. Umso skandalöser ist es, dass gerade hier so heftig gespart wird, dass selbst an wichtigsten Stellen die Experten für einen sicheren und zuverlässigen Betrieb fehlen.

Allein die bundesweit 12 000 Fahrdienstleiter haben mehr als eine Million Überstunden angehäuft, weil es seit Langem viel zu wenig Personal gibt. Über Jahre hinweg wurden zu viele Stellwerker bei der Umstellung auf Elektronik eingespart und zu wenige neue Kollegen eingestellt und ausgebildet. In Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern: überall musste bereits der Zugverkehr eingeschränkt werden, weil Stellwerke unterbesetzt waren. Teilweise leiteten die Aufsichtsbehörden sogar Prüfverfahren ein.

Die Loyalität der Mitarbeiter ist erschöpft

Doch geändert hat sich wenig. Seit fast drei Jahren schon warnen Belegschaftsvertreter, dass die Zuglotsen die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht haben. Und das in einem äußerst sensiblen Bereich, der für die Sicherheit aller Fahrgäste von höchstem Belang ist. Zwar hat die Elektronik viele Experten in den Stellwerken überflüssig gemacht, trotzdem kann jedes menschliche Versagen, jeder Fehler wegen Überlastung zu einer Zugkatastrophe führen.

In Mainz sind Anfang August zwei S-Bahnen beinahe kollidiert, nur eine Notbremsung verhinderte um anderthalb Meter den Zusammenstoß. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Fahrdienstleiter und die Lokführerin. Diese Mitarbeiter müssen also den Kopf hinhalten, wenn etwas passiert. Die Manager dagegen, die rigoros Sparziele durchdrücken, werden selten zur Rechenschaft gezogen. Auch das erklärt, warum die Belegschaft in Mainz nun offenkundig selbst die Notbremse gezogen hat, Dienst nach Vorschrift macht und auch die Bahngewerkschaft sich dem naheliegenden Vorschlag verweigert, einige Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückzuholen. Die Loyalität vieler Mitarbeiter ist erschöpft. Es wird daher höchste Zeit für die Bahn umzusteuern und Konsequenzen aus diesen Fehlentwicklungen zu ziehen.