Vor Beginn der Fußball-WM war der Pessimismus groß. Jetzt geht sie fast ohne Pannen über die Bühne, die Brasilianer sind begeistert. Zurecht, meint der StZ-Korrespondent Wolfgang Kunath. Doch der Kater kommt nach dem 13. Juli.
Rio de Janeiro - Bis zum Finale fehlen noch gut zwei Wochen, aber eins steht jetzt schon fest: Es ist eine wunderbare Fußball-Weltmeisterschaft – auch für Deutschland! Unter dem Jubel von Milliarden von Zuschauern weltweit fallen jede Menge Tore, so viele wie seit 1958 in Schweden nicht mehr. Dabei geht es relativ fair zu. Und dann die Überraschungen, die zu einem spannenden Turnier gehören: Selten wurde ein amtierender Weltmeister so abserviert wie jetzt Spanien. Dann das prächtige Abschneiden der Latinos. Und dass einer der Fußballprofis die Bissfestigkeit einer gegnerischen Schulter testet – auch solche bizarren Details haben hohen Unterhaltungswert. Hinzu kommt: Brasilien.
Dass Fußball jenseits von Sieg und Niederlage Freude macht, ist überall auf der Welt so. Aber nur in Brasilien geht Fußball in Karneval über – allein die unendlichen Varianten an grün-gelben Kopfbedeckungen, die die Textilindustrie aus Anlass der „copa“ auf den Markt geworfen hat! Die Begeisterung ist riesig, zumal sie sich auf einen Star einfluchten kann. Die überschäumende Neymania überdeckt sogar, dass die Nationalmannschaft bislang längst nicht so in Erscheinung tritt, wie man das vom fünffachen Weltmeister erwartet.
Bis auf ein paar Pannen läuft alles sonnig
Wer hätte das vor drei, vier Wochen gedacht. Da herrschte noch Miesepetrigkeit – als wäre Brasilien an seiner Aufgabe schon gescheitert. Es war ja auch absurd: die Präsidentin, die tapfer halbfertige Bauwerke einweiht. Ihr Büroleiter, der Kritikern über den Mund fährt. Der Sportminister, der den Unmut über die Kosten einfach leugnet. Dann die Furcht, das Fußballfest werde von Protesten gestört oder, schlimmer, durch eine Welle der Gewalt lahmgelegt. Und jetzt ist das plötzlich wie weggewischt. Bis auf ein paar Pannen minderer Bedeutung läuft alles so sonnig, wie es soll.
Sicher haben einige Medien kräftig schwarzgemalt: Dass es in Brasilien nicht so perfekt zugeht wie in der Schweiz, ist zwar richtig, aber das wusste man vorher schon. Von allen multinationalen Konzernen ist die Fifa der unsympathischste; doch es ist ungerecht, sie zwar zu geißeln, gleichzeitig aber ihre absurd hohen, weil den Milliardengeschäften dienlichen Standards herzunehmen und deren Nichterfüllung gegen Brasilien ins Feld zu führen. Wer Brasilien und seine Fußballbegeisterung kennt, der konnte nie daran zweifeln, dass die Stadien fertig würden – wenn auch nur auf den allerletzten Drücker. Und so bietet Brasilien nun das, was es der Welt versprochen hat: ein fabelhaftes Spektakel.
Was passiert nach der WM?
Für die Brasilianer dagegen beginnen die Probleme nach dem 13. Juli. Dann werden sie aus der Fußballtrance erwachen und sich fragen: Wer bezahlt die Rechnungen dieser WM, der teuersten aller Zeiten? Was wird aus den WM-Stadien, von denen man stets wusste, dass sie nach der WM ungenutzt herumstehen werden? Die Politik hat den Brasilianern ein Modernisierungsprogramm für die chaotischen Innenstädte versprochen – aber warum sind dann nur 52 Prozent all dieser Straßenbahnen, Zufahrtsalleen und Metrostationen fertig geworden? Und was wird aus dem Rest, jetzt, wo der politische Druck gewichen ist?
Die Präsidentin Dilma Rousseff ist aus den Höhen der Popularität auf dürftige 38 Prozent Zustimmung gefallen, was direkt auf den Fußball zurückzuführen ist. Denn ein Turnier der Luxusklasse in der siebtstärksten Wirtschaftsnation abzuhalten, die immer noch jede Menge Schulen, Krankenhäuser, Busse auf Dritte-Welt-Niveau hat, löst natürlich Unwillen aus. Letztes Jahr hat er sich in riesigen Massenprotesten Bahn gebrochen. Die Wahl jetzt im Oktober wäre eine schöne Gelegenheit zur Abrechnung. 72 Prozent der Brasilianer wollen Veränderung. Aber die Politik bietet sie nicht; Rousseffs Rivalen stehen für nichts grundlegend anderes. Was aus dieser negativen Energie wird, steht in den Sternen – doch jetzt ist erst einmal Fußball dran.