Kommentar zur Intendantensuche beim SWR Die Stunde der Strippenzieher

Wer wird künftig den Südwestrundfunk führen? Die Frage ist hoch umstritten. Foto: dpa

Der Südwestrundfunk sucht einen Nachfolger für den scheidenden Intendanten Peter Boudgoust. Diese Suche folgt aber nur altbekannten Mechanismen, kritisiert Tim Schleider.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Wir sind deins: So werben die ARD-Sender seit einigen Monaten um die Gunst der Zuschauer und Zuhörer ihrer Programme. So umstritten diese Imagekampagne auch sein mag, sie drückt einen wahren Kern aus: Tatsächlich sind ARD, ZDF und das Deutschlandradio weder von der Regierung gelenkte Staatsbetriebe noch allein dem Jahresgewinn verpflichtete private Medienkonzerne. Sie sind „öffentlich-rechtlich“, wie es immer so sperrig und vielen Menschen leider unverständlich heißt. Sie gehören der ganzen Gesellschaft, der Öffentlichkeit, eben allen Bürgern, die durch ihre monatlichen Beiträge diese Sender finanzieren.

 

Dieser Verpflichtung jeden Tag nachzukommen, ist sicher nicht leicht. Besonders schwer fällt sie den Rundfunkanstalten aber, wenn es um die Neubesetzung ihrer Spitzenpositionen geht: Direktoren, Geschäftsführer, Chefredakteure und vor allem Intendanten. Früher wurden diese Posten oft nach parteipolitischen Gesichtspunkten besetzt. Diese Praxis haben die höchsten deutschen Gerichte inzwischen eingeschränkt. Aber ein transparentes Verfahren und eine offene Debatte um die Zukunft der öffentlichen-rechtlichen Sender ist offenbar immer noch nicht möglich.

Die Weichen sind längst gestellt

Der SWR, die Zwei-Länder-Anstalt von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, führt das gerade vor. Die beiden Aufsichtsgremien des Senders, Rundfunk- und Verwaltungsrat, zusammengesetzt aus Vertretern der Gesellschaft, also aus Parteien, Verbänden, Vereinen, müssen bis zum Sommer einen neuen Intendanten wählen und damit wesentlich über die Zukunft des Hauses bestimmen. Doch wenn sich die insgesamt 92 Vertreter der Öffentlichkeit an diesem Freitag im Stuttgarter Funkhaus versammeln, um ihr Vorgehen abzustimmen, sind auf alt hergebrachte Weise die Weichen längst gestellt: Ein kleiner Kreis einflussreicher Kräfte hat bereits abgesprochen und eingefädelt, welche zwei Kandidaten angeblich nur in Frage kommen. Wer sonst womöglich noch gute Ideen hat, wie es mit dem SWR weitergehen soll, und sich darum auch offiziell beworben hat, wird noch nicht einmal angehört.

Über derlei Taktik geht die wirklich wichtige Frage verloren: Was steht denn eigentlich auf dem Aufgabenzettel des künftigen SWR-Chefs? Er muss um das Vertrauen der Menschen für das öffentlich-rechtliche Angebot werben, muss das Interesse einer jüngeren, digital aufgewachsenen Generation an journalistisch unabhängigen Programmen vielfach erst wecken. Die Millionen Zahler von Rundfunkbeiträgen wollen die Sicherheit haben, dass mit ihrem Geld sorgsam gewirtschaftet wird. Gerade der SWR muss deshalb weiter am Abbau von Doppel- und Dreifachstrukturen arbeiten. Es wäre für den Sender zweifellos gut, wenn der künftige Chef die Perspektive nicht nur auf eine Amtszeit von fünf Jahren, sondern auch auf eine Wiederwahl hätte, denn manche Veränderung braucht ihre Zeit. Notwendig ist es auch, dass der Sender als zweitgrößte ARD-Anstalt bundesweit eine stärkere Stimme bekommt. Und es versteht sich hoffentlich, dass all diese Ziele ganz wunderbar auch von einer entsprechend qualifizierten Frau verwirklicht werden könnten.

„Wir sind deins“ – ein frommer Wunsch

Wer als Vertreter der Gesellschaft Sitz und Stimme in einem SWR-Gremium hat, müsste diese Debatte dort führen wollen und darauf pochen, sich selbst ein Urteil über die eingegangenen Bewerbungen für den Intendantenposten zu bilden. Doch noch immer scheinen die wirklich Wichtigen vor allem hinter den Kulissen die Strippen zu ziehen. Und zur Begründung dieses Vorgehens hört man immer nur das altbekannte: Ja, wie soll’s denn sonst gehen? Trotz aller Richtersprüche und aller Bemühungen jener, denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk am Herzen liegt: „Wir sind deins“ – an solchen Stellen bleibt die ARD-Werbung ein frommer Wunsch.

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