Kommentar zur Kriegsgeneration Unser Erbe verstehen lernen

Die Bilder des Krieges: der Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Foto: dpa-Zentralbild
Die Bilder des Krieges: der Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Foto: dpa-Zentralbild

Der Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ stößt auf ein riesiges Zuschauer-Interesse. Doch erzählt wird nur, was wir schon längst hätten wissen können, meint die StZ-Redakteurin Hilke Lorenz.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Stuttgart - Krieg ist für uns Nachgeborene ein Ereignis, das wir uns in seinem ganzen Ausmaß überhaupt nicht vorstellen können. Wir kennen ihn nur aus dem Geschichtsunterricht, aus Landserheftchen, Hollywood – und von den Antikriegsdemos. Wir wissen nicht, wie er riecht, wie er tönt und wie er in jede Ritze des Menschseins kriechen und das innere Koordinatensystem außer Kraft setzen kann. Fast scheint es, als habe die überzeugte pazifistische Grundhaltung, die sich die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten in ja durchaus bewundernswerter Konsequenz angeeignet haben, ihnen tragischerweise auch den emotionalen Zugang zu dieser das menschliche Verständnis sprengenden Katastrophe verstellt. Und aus der Furcht heraus, missverstanden zu werden, hat dies zu Sprachlosigkeit geführt. Erinnerungspolitisch sind wir gut verortet, emotional jedoch nicht.

Denn zwischen dem Nein zum Krieg und der Friedenstaube gab es lange keine Zwischentöne des Verstehens, das auch jene Menschen mit einbezogen hat, die Handelnde und nicht nur Opfer des Krieges waren. Das wird auch die als Trilogie angelegte TV-Produktion „Unsere Mütter, unsere Väter“ von Nico Hofmann nicht ändern, deren dritter Teil heute läuft. Die beiden ersten Folgen stießen auf ein riesiges Zuschauer-Interesse. Dabei haben wir das alles schon einmal gesehen. Das ist nicht die alles verändernde neue Darstellung des Krieges und revolutioniert auch nicht das Genre.

Ein gewaltiges und teures Unterfangen

Was Claus Kleber im Heute-Journal als „Rammbock gegen das Vergessen“ bezeichnete, die letzte Chance, Gespräche mit den immer weniger werdenden Zeitzeugen endlich zu führen, ist vielleicht für das ZDF ein gewaltiges und einmalig teures Unterfangen. Aber es ist nicht die Fernsehserie von der bewusstseinsverändernden Wucht, die etwa die US-Serien „Roots“ oder „Holocaust“ hatten. Neu ist nur, wie flächendeckend der produzierende Sender das Thema spielt und dabei vergisst, dass der Fernsehhistoriker Guido Knopp seit Jahren Menschen öffentlich erzählen lässt.

Wenn wir wollten, hätten wir uns unsere Mütter und unsere Väter also schon lange als junge ungestüme Menschen mit tollkühnen Lebensentwürfen vorstellen können. Denn das will „Unsere Mütter, unsere Väter“ mit seiner jungen Schauspielergarde doch wohl zeigen. Sie lebten in einer Welt, in der es Farben, Freude und Werte wie Freundschaft gab, obwohl es von ihnen fast nur Schwarz-Weiß-Bilder gibt.

Schaut her, sie waren einmal jung wie wir – bis sie ihre Unschuld verloren und Schuld, Wahnsinn und der schlichte Wunsch, einfach irgendwie zu überleben, in ihre Leben traten. Nun sind sie alte Menschen – und noch immer wollen viele Nachgeborene die Vielschichtigkeit ihrer Leben nicht verstehen. Ja, sie haben in Nazi-Deutschland gelebt und haben Hurra geschrien. Aber auf die Erfahrung des Krieges, die sie bis heute prägt, hätten die meisten gerne verzichtet.

Die Deutschen waren nicht nur Opfer

Das Ansinnen des Hofmann’schen Projektes ist also durchaus ehrenwert. Aber es ist falsch, nur zu klagen, es sei höchste Zeit dafür. Denn wahr ist auch, dass die Deutschen nicht nur ein Volk der Opfer waren. Dies zu akzeptieren hat lange gedauert. Deshalb ist unsere Gesellschaft erst jetzt an dem Punkt angekommen, an dem wir unser psychologisches Erbe verstehen können.

Zuvor brauchte es eben die Annäherung an die Verantwortung aller und ihre Selbstverortung in der Geschichte. Dafür waren in den 60er Jahren die Auschwitz-Prozesse nötig und im täglichen Klein-Klein die unzähligen lokalen Geschichtsprojekte, die nicht müde werden, mit dem Finger auf die deutsche Verantwortung zu zeigen. Doch nun müssen wir auch zuhören wollen und Menschen ganzheitlich wahrnehmen. In diesem Punkt hat Nico Hofmann recht. Zu einer Feinjustierung des Denkens und Fühlens gegenüber der Kriegsgeneration sind viele immer noch nicht bereit.




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