Die politische Klasse stutzt den Medienmogul Murdoch auf Normalmaß. Seinem Regime an der Themse ist über Nacht die Basis weggebröckelt.
Stuttgart - Es müssen nicht wirklich Köpfe rollen. Die Downing Street zu stürmen ist keine Bürgerpflicht. Kein Blut muss fließen. Keine Panzer müssen kommen. Die Königin darf ruhig schlafen, in ihrem Vierpfostenbett. Britische Revolutionen brauchen keine Guillotinen. Sie bedienen sich anderer Mittel, verbaler Knüppel, spitzer Argumente, dramatischer Vorladungen oder öffentlicher Verurteilung. Wo einmal ernsthaft Ressentiments aufgerührt werden, kommt die alte Ordnung rasch ins Rutschen. Wie jetzt in dem Skandal um Rupert Murdochs Medienimperium: seinem Regime an der Themse ist über Nacht die Basis weggebröckelt.
Unglaublich, dass noch vor zwei Wochen die gesamte britische Politik nach Murdochs Pfeife tanzte. Kein Spitzenpolitiker konnte es sich erlauben, gegen den Medienmogul aufzubegehren. Labour und Torys machten ihm gleichermaßen den Hof. Sie hofften auf sein Einverständnis für politische Projekte, wollten sich seines Rückhalts versichern, um nicht von seinen Redaktionen in der Luft zerrissen zu werden.
Der Bann ist gebrochen
Und nun? Nun sieht man einen 80-Jährigen vor britischen Parlamentariern um die letzten Reste seiner Glaubwürdigkeit ringen. Bedrängt von Abgeordneten, die alle Angst vor ihm verloren haben. Die selbst kaum glauben können, dass der alte Bann gebrochen ist. Die sich ihrer neuen Freiheit versichern, indem sie kleine Stiche der Respektlosigkeit setzen. Murdochs Auftritt vor dem Kultur- und Medienausschuss des Unterhauses war ein Schauspiel sondersgleichen. Der Riese, vor dem Politiker jahrzehntelang kuschten, wurde auf das Maß eines gebrechlichen Männchens reduziert. Früher ließ Rupert Murdoch die gewählten Volksvertreter in seinem Büro antreten, um ihnen zu sagen, was Sache war. Jetzt fand er sich gezwungen, zu ihnen zu kommen und sich in ihrem Kreis zu rechtfertigen: Das verkehrte Verhältnis wurde endlich vom Kopf auf die Füße gestellt.
Wie nach einer richtigen Revolution bestaunen nun die ehedem Eingeschüchterten die Mittel der früheren Macht, deren bislang verdeckte Methoden. Hier eine Polizei, mit der sich Murdoch arrangierte. Dort eine politische Klasse, die sich von ihm abhängig machte, ihm zu Diensten war. Widerwillige Servilität eher bei Labour-Regierungen, ein selbstverständlicher Seeleneinklang bei den Konservativen.
Am schwersten aber wiegt der Korruptionsverdacht gegen die Polizei. Nachdem schon Banker und Parlamentarier auf der Insel an Respekt verloren haben, sind nun die Ordnungskräfte dran. Käufliche Beamte auf der Wache ebenso wie an der Spitze des Polizeipräsidiums haben die Metropolitan Police ins Zwielicht gerückt. Die Untersuchungen sind erst angelaufen. Aber täglich neue Enthüllungen lassen erahnen, dass man bisher nur die Spitze des Eisbergs zu Gesicht bekommen hat.
Der Vertrauensverlust ist ernst zu nehmen
Die panische Reaktion der Regierung und zunehmend zynische Kommentare in der Bevölkerung zeigen, wie ernst dieser Vertrauensverlust zu nehmen ist. Zugleich muss sich Regierungschef David Cameron heftiger Vorwürfe erwehren. Keine der großen Parteien steht sonderlich gut da. Welche Lehren letztlich aus dieser Affäre gezogen werden und ob diese sehr britische Revolution den Briten zu einer demokratischeren Kultur verhilft oder ob sie am Ende doch wieder im Sande verläuft, kann noch niemand sagen. Der Schock der jüngsten Enthüllungen hat immerhin zu ungewöhnlicher Reformwilligkeit geführt.
Medienvielfalt und Demokratieverständnis, politische Transparenz und Polizeiaufsicht müssen in Großbritannien neu überdacht werden. Die Presse muss sich selbst disziplinieren, um jede Form staatlicher Kontrolle zu vermeiden. Millionen Zeitungsleser aber werden sich fragen müssen, ob sie bereit sind, auch die eigenen Gewohnheiten zu ändern. Das, steht zu befürchten, ist vielen doch zu revolutionär.