Kommentar zur Organspende Der Anschein von Willkür ist fatal

Organspende ist für die Menschen eine Sache des Vertrauens. Foto: dpa
Organspende ist für die Menschen eine Sache des Vertrauens. Foto: dpa

Die Ereignisse in Göttingen und Regensburg haben das Vertrauen in die Seriosität der Transplantationspraxis erschüttert. Es geht dabei um Leben und Tod, da darf kein Arzt über den Regeln stehen, meint Alexander Mäder.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Werden künftig weniger Menschen bereit sein, ihre Organe zu spenden, nachdem an den Unikliniken Göttingen und Regensburg Akten manipuliert und Patienten bevorzugt wurden? Rational betrachtet, dürfte das nicht passieren, denn geschädigt wurden nicht die Spender, sondern die Patienten auf der Warteliste. Es wäre im wahrsten Sinne des Wortes fatal, wenn nun Menschen ihre Entscheidung für einen Organspendeausweis überdächten. Wer es sich vorstellen kann, nach seinem Tod Organe zu spenden – nach Umfragen sollen drei von vier Deutschen dazu bereit sein –, der sollte dabei bleiben und dies schriftlich und gegenüber seiner Familie dokumentieren.

Es ist gegen die Regeln des Systems verstoßen worden

Und doch ist unter Ärzten wie Laien spürbar, dass der Skandal das Vertrauen erschüttert hat. Auch wenn letztlich Patienten geholfen wurde, die eine neue Leber benötigten, ist gegen die Regeln des Systems verstoßen worden. Gerade in der Transplantationsmedizin ist es aber elementar, dass die Regeln eingehalten werden, denn diese Regeln entscheiden mit darüber, ob ein Patient leben oder sterben wird. Laut Gesetzestext geben bei der Zuteilung von Organen Dringlichkeit und Erfolgsaussicht den Ausschlag. Wer sich darüber hinwegsetzt, verstört die Menschen, die auf der Warteliste stehen. Sie klammern sich an die Hoffnung, nach denselben Kriterien behandelt zu werden wie alle anderen Kranken, und haben nun vielleicht den Verdacht, dass auch ärztliche Willkür, Bevorzugung und Diskriminierung möglich sind.

Hinzu kommt, dass es Jahre gedauert hat, bis die Ermittlungen richtig in Gang kamen. Heute lässt sich daher noch nicht absehen, wie viele Mediziner in den Fall verstrickt sind. Der Ärzteschaft und der Politik bleibt nur die Chance, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Prämien sind der falsche Anreiz

Ein Punkt liegt auf der Hand: wer Chirurgen für jedes verpflanzte Organ eine Prämie zahlt, setzt den falschen Anreiz. Es darf nicht um Quantität gehen, honoriert werden sollte die Qualität der Arbeit. Auch ohne finanziellen Bonus hat ein Chirurg in der anspruchsvollen Disziplin der Transplantation viel zu gewinnen: Renommee für sich und seine Klinik. Diesen natürlichen Anreiz darf man nicht verstärken. Die Uniklinik Göttingen hat ihre Praxis der Bonuszahlungen inzwischen gestoppt, doch man fragt sich, ob diese Praxis nicht einem unzulässig starken ökonomischen Denken im Gesundheitswesen geschuldet ist.

Immer wieder betonen Transplantationsmediziner in diesen Tagen, dass sie nicht wüssten, wie man Patientenakten fälscht, ohne dass es auffällt. Dafür seien an einer Transplantation zu viele Fachleute beteiligt. Und doch ist es geschehen. Die Kontrollen haben offensichtlich nicht ausgereicht und müssen künftig verschärft werden. Das novellierte Transplantationsgesetz, das diese Woche in Kraft getreten ist, sieht eine neue Prüfkommission vor, die von Krankenhäusern und Vermittlungsstellen Unterlagen einfordern darf und Gesetzesverstöße an die Behörden melden soll. Sie müsste finanziell und personell so ausgestattet werden, dass sie von sich aus Kontrollen durchführen und somit effektiv Aufsicht führen kann.

Ärzte und Pflegepersonal an die Bedeutung der Spende erinnern

Im November folgt der zweite Teil der Gesetzesnovelle: Dann werden die Krankenkassen alle Versicherten über die Möglichkeit der Organspende informieren und fragen, ob dies für sie infrage kommt. Das ist ein lohnenswerter Versuch, die Spendenbereitschaft zu erhöhen. Doch es fehlt nicht nur an potenziellen Spendern. Die Krankenhäuser brauchen auch stärkere Anreize, um sich nach der Hektik der letzten Behandlungsversuche um eine Organspende zu bemühen. Ein Schritt ist getan: Die Kliniken müssen nun einen Beauftragten benennen, der Ärzte und Pflegepersonal an die Bedeutung von Spenderorganen erinnert. Er soll unabhängig sein, doch man wird sehen, ob er auch Einfluss hat.




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