Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) legt seine Reformpläne für die Pflege vor. Er setzt an den richtigen Stellen an, kommentiert StZ-Autor Bernhard Walker.
Berlin - Das ging schnell. Noch ist Hermann Gröhe keine vier Monate im Amt. Und schon hat der Gesundheitsminister seinen Plan für eine Reform der Pflegeversicherung auf den Weg gebracht. Gröhe kommt zugute, dass Schwarz-Rot im Herbst 2013 eine wesentliche und richtige Vorgabe beschlossen hat: Die Pflege darf mehr kosten. Wenn mehr Menschen auf Pflege und Hilfe angewiesen sind – und das ist wegen des demografischen Wandels zweifellos der Fall – muss die Versicherung mehr Mittel erhalten.
Gut ist auch, dass Schwarz-Rot einen neuen Begriff von Pflegebedürftigkeit anpackt. Das klingt sperrig. Dahinter steht aber die Frage, wer eigentlich als pflegebedürftig gilt, wer also welche Leistungen der Pflegekasse bekommt. Bisher stellen die Kassen zu wenig auf die Menschen ab, die altersverwirrt sind oder an Demenz leiden. Das soll sich ändern, womit auch die Chance besteht, von der berüchtigten „Minutenpflege“ wegzukommen, also davon, dass einer Pflegekraft für eine bestimmte Leistung, etwa die Körperpflege, wenige Minuten vorgeben sind. In der „Minutenpflege“ bleibt für etwas Wichtiges zu wenig Zeit: für Zuwendung oder einfach nur den netten Plausch.
Die Pflege braucht mehr gesellschaftliche Anerkennung
Gute fachliche Pflege, Zuwendung und der nette Plausch mit den Pflegebedürftigen setzen aber voraus, dass es genug Pflegekräfte gibt. Für eine gute Pflege sind bis 2030 etwa 500.000 zusätzliche Vollzeit-Pflegekräfte nötig. Wenn es nicht gelingt, diese Kräfte zu gewinnen, nützen auch die großzügigste Finanzierung und der beste Bedürftigkeitsbegriff nichts. So viele Menschen für die Pflege zu gewinnen ist allerdings eine Herkulesaufgabe – die weder der Staat noch die Kassen noch die Pflegedienste oder Heime allein bewältigen können.
Damit dieses Ziel gelingt, braucht Pflege viel mehr gesellschaftliche Anerkennung. Doch genau die hat in den letzten Jahren arg gelitten. Oft wird der demografische Wandel als Unheil betrachtet, was sich dann in Begriffen wie „Pflegefall“, „Überalterung“ oder „Greisenrepublik“ ausdrückt. Wer so gedankenlos daherredet, tut so, als sei Pflege eine Last, um die sich dann halt irgendjemand kümmern müsse. Ist es da ein Wunder, dass nur wenige junge Leute Altenpfleger werden wollen?
Die Gesellschaft muss ihre Gedankenlosigkeit ablegen
Auch haben die Medien allen Grund, sich an die Nase zu fassen. Natürlich war es richtig, über Missstände in der Pflege zu berichten. Nur hat so manches Medium darüber die andere Seite der Wirklichkeit vergessen: Viele Pflegekräfte leisten trotz der Widrigkeiten des Systems großartige Arbeit. Und viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sind mit der Betreuung des Pflegediensts oder des Heims sehr zufrieden.
Bundespräsident Gauck hat gesagt, dass der demografische Wandel nur dann bedrohlich sei, wenn zu starr an „bisherigen Systemen, Vorgaben und Eckpunkten“ festgehalten werde. Was das Pflegesystem anbelangt, löst Schwarz-Rot so manche Erstarrung. Höchste Zeit, dass auch die Gesellschaft das Starre und Gedankenlose ablegt, das heute ihr Bild vom demografischen Wandel und der Pflege prägt.