Kommentar zur Serie „Besser leben“ Mit den Augen der Kinder

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Eine Erkenntnis der StZ-Serie „Besser leben“ ist zweifellos: Man kann nicht alles richtig machen. Und man sollte sich auch nicht unter Druck setzen, alles richtig machen zu wollen. Das jedenfalls arbeitet der StZ-Redakteur Alexander Mäder heraus.

Von Kindern kann man lernen – das gilt auch für die Erwachsenen. Foto: dpa
Von Kindern kann man lernen – das gilt auch für die Erwachsenen. Foto: dpa

Stuttgart - Wenn man die Augen schließt, können einen die anderen noch sehen. Das ist für ein Kleinkind nicht leicht zu verstehen. Es muss schließlich begreifen, dass bei visuellem Kontakt ein Bild im Kopf entsteht, und zwar bei jedem Menschen ein anderes. Psychologen nennen diese Bilder mentale Repräsentationen. Dass sie einen Fachbegriff verwenden, um das Denken der Kleinkinder zu beschreiben, zeigt, wie groß ihr Respekt vor dieser geistigen Leistung ist. Sie nennen Kinder sogar naive Wissenschaftler, denn sie glauben, dass Kinder die Welt auf eine ähnliche Weise erkunden wie es Wissenschaftler tun: Sie experimentieren und stellen Theorien auf, wenn auch unbewusst – zum Beispiel eine Theorie über mentale Repräsentationen anderer Menschen.

Am Wochenende konnte man den kleinen Wissenschaftlern auf dem Kinder- und Jugendfestival der StZ bei der Arbeit zusehen. Oft tauchen sie dabei in eine Fantasiewelt ein: Sie übernehmen andere Rollen und sprechen mit unsichtbaren Freunden. Das kann man als nutzlosen Spaß abtun, doch die US-Psychologin und Buchautorin Alison Gopnik sieht darin das Einüben einer wichtigen Fähigkeit: Kinder malen sich aus, wie das Leben in einem fiktiven Szenario weiterginge.

Kindern kann man wenig direkt beibringen

Auch dabei lernen sie, wie die reale Welt funktioniert – oder funktionieren könnte. Psychologen raten Eltern daher, Kindern Freiraum zu lassen. Nur wenn sie sich umsorgt fühlen, können sie sich ganz auf das Erkunden der Welt konzentrieren. Und nur wenn sie beobachten und manipulieren können, sammeln sie Erfahrungen. Weil das Lernen in sehr jungen Jahren meist unbewusst abläuft, kann man den Kindern nicht viel direkt beibringen. Sie müssen selbst darauf kommen.

Eltern wollen für ihre Kinder das Beste, sie möchten alles richtig machen. Doch das Aufwachsen ist, wie Wissenschaftler sagen würden, ein dynamischer und komplexer Prozess. Die Erziehung muss daher adaptiv sein. Eltern können nicht alles vorhersehen, und der Plan, den sie vielleicht vor der Geburt gefasst haben, passt vielleicht nicht zum Kind. Wie sie auf Fehler reagieren, kann jedoch den Kindern ein Vorbild sein.

Eine ähnliche Empfehlung spricht Dirk Helbing aus, der früher an der Universität Stuttgart gearbeitet hat. Er untersucht andere komplexe und dynamische Systeme wie beispielsweise den Datenverkehr im Internet. Er warnt, dass sich komplexe Systeme oft ganz anders entwickeln, als man es erwartet. Alles zentral zu steuern, funktioniert daher nicht. Man braucht vielmehr Fantasie und muss immer wieder neue Alternativen entwickeln.

Ratschläge sollte man nicht über alles stellen

In den Geistes- und Sozialwissenschaften spricht man bereits vom „Durchwursteln“. Das mag unattraktiv sein für Menschen, die Probleme gerne prinzipiengeleitet lösen, aber es wird ein wichtiger Ansatz des modernen Managements und Regierens werden. Dazu passt vielleicht, dass viele Leserinnen und Leser in ihren Briefen und E-Mails zur am Wochenende endenden Serie „Besser leben“ mehr Gelassenheit angemahnt haben.

Damit hat man noch kein Problem gelöst. Das Kind schläft nicht gut ein, es kann sich nicht die Schuhe binden oder rechnen. Doch es würde helfen, wenn man die vielen Ratschläge, die auf dem Markt konkurrieren, nicht über alles stellt. Wie unergründlich das kindliche Denken sein kann, hat der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg bei der Leser-Uni illustriert: Er zeigt zwei Teddys, die einmal gleich aussahen, als er sie an eineiige Zwillinge verschenkte. Gleiche Gene, gleicher Haushalt – doch die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Das eine Kind interessierte sich nicht für das Geschenk; der Teddy sieht heute noch so aus wie am ersten Tag. Die Farbe des zweiten Bären ist jedoch nach häufigem Knuddeln und vielen Waschgängen verblichen. Es gibt Dinge, die kann auch ein Wissenschaftler nicht erklären. Sie einfach stehen zu lassen macht das Leben leichter.