Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan gefährdet mit seinem rabiaten Vorgehen gegen die Demonstranten in Istanbul den Frieden in der Türkei. Mehr noch: er wird zum Autokraten, meint der StZ-Redakteur Knut Krohn.
Stuttgart - Recep Tayyip Erdogan hat sich entschieden. Selbstherrlich, brutal und rücksichtslos verhält sich der türkische Premier gegenüber seinem Volk. Diese Attribute passen nicht zu einem Demokraten, als den er sich gerne beschreibt. Erdogan steht seit der Räumung des Taksim-Platzes in einer unrühmlichen Reihe mit den Autokraten dieser Welt.
Spätestens nach dem überlegenen Wahlsieg seiner islamistischen Partei AKP vor zwei Jahren scheint dem Regierungschef jegliches Gespür für die politische und gesellschaftliche Realität in seinem Land verloren gegangen zu sein. Mit einer Mischung aus religiösem Sendungsbewusstsein und Machttrunkenheit macht er sich seither ans Werk, die Türkei nach seinem Gutdünken umzubauen. Dabei nimmt er auch auf demokratische Regeln kaum Rücksicht. Demokratie ist in seinen Augen weniger eine erstrebenswerte Regierungsform, um den Willen des gesamten Volkes umzusetzen, sondern eher ein Mittel, um die eigene Macht zu festigen. Ihn interessiert nicht, dass er der Premier aller Türken ist, dass ein Demokrat auch die Stimmen jener Menschen wahrnehmen muss, die ihn nicht gewählt haben. Das wäre in der Türkei besonders wichtig, einem Land, das sich rühmt, Brücke zwischen Orient und Okzident, zwischen Europa und Asien zu sein.
Erdogan setzt den Frieden aufs Spiel
Doch Recep Tayyip Erdogan ist kein Brückenbauer, er ist ein Spalter. Bei seinem Tun beruft er sich immer wieder auf seine demokratische Legitimation, denn schließlich sei er von der Mehrheit der Türken gewählt. Offensichtlich ist es seine Strategie, die konservativ-religiöse Mehrheit noch stärker an sich zu binden, um seine Pläne zu verwirklichen. Dass er damit den gesellschaftlichen Frieden fahrlässig aufs Spiel setzt, ist ihm völlig egal.
Natürlich ist die Empörung im Westen groß, doch auch das scheint Erdogan wenig zu kümmern – und die nackten Zahlen geben ihm Recht. Jüngsten Umfragen zufolge ist rund die Hälfte der Türken gegen die Proteste in Istanbul. Und ungefähr ebenso viele Menschen würden am kommenden Sonntag der islamistischen Partei des Ministerpräsidenten ihre Stimme geben. Dieses Ergebnis mag im Rest Europas für Kopfschütteln sorgen, doch viele Türken sehen vor allem das Gute, das Erdogan in den vergangenen Jahren für die Türkei getan hat.