Kommentar zur Ukraine-Krise Putin steht in der Ecke

Russlands Präsident Putin ist in der Weltpolitik weitgehend isoliert. Foto: a
Russlands Präsident Putin ist in der Weltpolitik weitgehend isoliert. Foto: a

In der Ukraine-Krise führt der ständig wachsende Druck auf Russland nicht zum Ziel. Der Westen braucht eine neue Taktik, kommentiert der StZ-Redakteur Christian Gottschalk.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)
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Stuttgart - Zum zweiten Mal in Folge hat das US-Magazin „Forbes“ den russischen Präsidenten Anfang des Monats zum mächtigsten Menschen der Welt gewählt. Den Mann, der die westliche Welt derzeit vor sich herzutreiben scheint, wie es ihm beliebt. Den Mann, der seit dem Ausbruch der Ukrainekrise vor fast einem Jahr anscheinend machen kann was er will. Tatsächlich ist Wladimir Putin inzwischen selbst ein Getriebener. Der russische Präsident hat sich in eine Sackgasse manövriert, aus der es kaum mehr einen Ausweg gibt.

Wladimir Putin ist ein vorzüglicher Taktiker. Das hat er vielen seiner Gegenspieler voraus – denen im eigenen Land und denen auf internationalem Parkett. Putin hat auf der Krim und im Osten der Ukraine Schwächen des Gegners blitzschnell ausgenutzt und eigene Interessen rigoros durchgesetzt. Putin hat damit seine persönlichen Sympathiewerte in Russland in ungeahnte Höhen geschraubt. Er hat das russische Staatsgebiet faktisch vergrößert, und dies schmeichelt dem russischen Selbstwertgefühl. Man ist wieder wer. Man hat vor allem den USA gezeigt, dass hier keine Regionalmacht agiert, sondern ein gleichwertiger Gegenspieler, mindestens.

Zwischen Strategie und Taktik klafft eine Lücke

Allerdings: strategisch hat Putin verloren. Die westliche Welt rückt vom Kremlherrscher ab. Die Verstimmung ist tiefgreifend. Die undiplomatisch-deutlichen Worte Angela Merkels machen das ebenso klar wie das Gebaren der G-20-Führer auf dem Gipfel in Brisbane. Um den angeblich mächtigsten Mann ist es einsam geworden. Das hält auf Dauer niemand aus. Weder Russlands Wirtschaft noch Russlands Präsident. Der könnte nun einsichtsvoll reagieren und die Wünsche, die an ihn herangetragen werden, respektieren. Er wird es nicht tun, solange das den Eindruck vermittelt, er rudere zurück, gebe klein bei oder habe falsch gelegen.

Zwischen Strategie und Taktik klafft auch auf der anderen Seite eine Lücke. Strategisch gesehen verfolgt die westliche Allianz ehrenwerte Ziele, wenn sie die Welt hin zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit führen möchte, wenn sie Bündnisse schmieden will, in denen diese Werte hochgehalten werden. Natürlich wäre es schön, wenn auch die Ukraine ein prosperierendes Land im Herzen Europas geworden wäre, ein verlässlicher Partner in allen Bereichen. Doch auf dem Weg dorthin sind dem Westen etliche taktische Fehler unterlaufen. Wenn es nun darum geht, einen Weg aus dem Konflikt herauszufinden, gilt es Fehler dieser Art zu vermeiden. Die Entscheidung der EU-Außenminister, weitere ernsthafte Sanktionen erst einmal zurückzustellen, ist in diesem Sinne richtig. Putin ist in der Ecke. Dort muss er herausgeholt und nicht weiter hineingedrückt werden.

Putins Druckpotenzial ist kurzfristig höher

Solange sich die westliche Welt an ihre Erklärung hält, den Krieg in der Ukraine nicht mit militärischen Mitteln zu beeinflussen, so lange hat Putin einen taktischen Vorteil. Der Kremlchef behauptet zwar das Gleiche, aber tatsächlich schickt er Soldaten, unterstützt Kämpfer, schafft Fakten. Solange die westliche Welt nicht militärisch gegen die von Russland unterstützten Truppen vorgehen mag, was richtig ist, weil das in der Tat unabsehbare Folgen hätte, so lange kann sich Putin Dinge herausnehmen, die eigentlich nicht hinnehmbar sind. Kurzfristig gesehen ist sein Druckpotenzial höher als das des Westens.

Es braucht also eine andere Taktik. Die könnte darin bestehen, der Eitelkeit Putins zu schmeicheln und ihn dazu zu bewegen, ein umfangreiches Gesamtkonzept für die Region vorzulegen. Ob dabei eine erträgliche Lösung für die Menschen im Osten der Ukraine herauskommt, ist unklar. Aber es ist eine bessere Chance, als die Spirale von Militärmanövern, der Ausweisung von Botschaftsmitarbeitern und der Gewalt weiter eskalieren zu lassen. Diese Tür muss der Westen öffnen. Russlands Präsident muss dann jedoch bereit sein, durch sie zu gehen.




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