Die Brasiliander haben sich bei der Präsdentenwahl für die gewohnten politischen Lager entschieden. Der Protest ist damit nicht weg – er wird sich andere Wege suchen, kommentiert Wolfgang Kunath.

Rio de Janeiro - Halblinks gegen Halbrechts, so war die Konstellation bei den letzten fünf Präsidentschaftswahlen in Brasilien, und diese beiden Lager werden sich nun auch bei der Stichwahl am 26. Oktober gegenüberstehen. Also eigentlich langweilig – und dennoch eine Sensation. Denn dass es Aécio Neves, der konservative Kandidat, doch noch reißen würde, schien bis kurz vor der Wahl unmöglich. Der jähe Aufstieg von Marina Silva, einer ehemaligen Umweltministerin, faszinierte die Wähler zunächst, weil sie einen dritten Weg zu weisen schien. Aber wohin der führen sollte, ob er nicht ein Um- oder gar ein Irrweg sein würde – diese Zweifel wuchsen, und Silva konnte sie nicht zerstreuen. Die Brasilianer schlagen nun die ausgetrampelten Pfade ein: zum sozialdemokratisch angehauchten Modell von Dilma Rousseff oder zum konservativ gewendeten Ideal des Wirtschaftsliberalismus von Neves.

 

Und wo ist die politische Energie abgeblieben, die die Brasilianer im Sommer 2013 in Massen auf die Straßen trieb? Silvas Aufstieg hätte man als Folge des Zorns von damals interpretieren können. Aber nun? Die Wut über miese Schulen, teure Busse, verfallende Krankenhäuser findet, wenn man von den vielen ungültigen Stimmen absieht, keinen Ausdruck im Wahlergebnis. Wer weiß, womöglich brechen die Proteste beim nächstbesten Anlass wieder aus.