Kommentar zur WM in Moskau Missglückte Generalprobe

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Die Leichtathletik-WM in Moskau lässt ein altes Thema wieder wach werden. Einmal mehr geraten die Sportler zwischen die politischen Fronten. Ein Ärgernis, meint StZ-Sportredakteur Tobias Schall.

Neue WM, alte Probleme – wie soll man mit den umstrittenen politischen Aspekten des Gastlandes umgehen? Foto: dpa
Neue WM, alte Probleme – wie soll man mit den umstrittenen politischen Aspekten des Gastlandes umgehen? Foto: dpa

Stuttgart - Endlich vorbei. Das wird sich vielleicht mancher Russe zum Ende der Leichtathletik-WM denken. Hören diese Debatten endlich wieder auf. Dabei war die Leichtathletik-WM nur ein Vorgeschmack auf das, was 2014 kommen wird, wenn die Olympischen Spiele im russischen Sotschi sind. Man ahnt, welche Dynamik die Debatte dann gewinnen wird. Und wie das IOC reagieren wird. Getestet wurde ja schon mal in diesen Tagen.

Die Generalprobe ist missglückt. Die großen Sportorganisationen wie die IAAF oder das IOC machen mal wieder das, was sie in solchen Fällen immer tun: Wortreich schweigen und vor allem den Hinweis an die Athleten geben, auch die bewährte Vogel-Strauß-Taktik anzuwenden. Sie geben wie immer ein jämmerliches Bild ab, wenn politische Aspekte in den von ihnen propagierten apolitischen Raum dringen. Sie verweisen gebetsmühlenartig auf die Olympische Charta, die politische Demonstrationen verbietet. Es ist der olympische Spamfilter. Und er hat im Prinzip ja schon auch einen Sinn, schließlich könnte die Sportbühne sonst ebenso für Propaganda ganz anderer Inhalte missbraucht werden.

Aber: es geht nicht um politische Geschmacksfragen – es geht um den Kern der olympischen Idee, die ja die Idee des Sports ist. Die Olympische Charta verbietet nämlich nicht nur politische Äußerungen, sie untersagt auch klipp und klar Diskriminierung jedweder Art. Das ist der formulierte und grundsätzlich anerkannte gemeinsame Nenner der olympischen Bewegung, des organisierten Sports. Wer sich also für Freiheitsrechte und Gleichberechtigung starkmacht, missbraucht die Bühne nicht, sondern kämpft für die Werte des Sports.

Am Ende sind die Sportler die Leidtragenden

Leider ist das nur eine theoretische Sicht und in den globalen Sportorganisationen nicht mehrheitsfähig. In der Realität wimmelt es auf diesem Planeten von Autokraten und Diktatoren – weswegen die Charta nicht oberste Handlungsdirektive ist, sondern meist nur eine folgenlose Ansammlung von hübsch klingenden Worten.

Zum Beispiel auch im Fußball: die Welt diskutiert, ob die WM in Katar im Winter oder Sommer ausgetragen werden soll – wie wäre es mit einer anderen Frage: Wie kann es sein, dass dieses Land ein solches Ereignis überhaupt ausrichten darf? Im Vergleich zu Katar ist Russland fast eine lupenreine Demokratie. Das Emirat erreicht auf einer Skala der Organisation Freedom House von eins bis sieben (von frei zu unfrei) Stufe sechs. Amnesty International beklagt zahlreiche Menschenrechtsverletzungen. Und so weiter. Welches Signal senden die selbst ernannten Gralshüter der Werte im IOC und der Fifa? Dieses: es ist alles völlig egal, solange der Rubel rollt.

Die Dummen sind immer die Sportler. Sie bereiten sich jahrelang auf Ereignisse wie die WM in Moskau oder Olympia vor, und dann auf einmal sollen sie über alles mögliche abseits des Sports sprechen. Niemand muss sich dazu äußern, es ist auch allzu verständlich, dies nicht zu tun. Nur sollte keiner Sportler darin hindern.