Bei der Leistung gibt es etwas zu verbessern
Die Anlage mit einer Nennleistung von 500 Kilowatt hat rechnerisch einen Jahresertrag von 767 000 Kilowattstunden und kann damit gut 200 Privathaushalte mit Strom versorgen. Das war einmal gut, doch die Entwicklung ging weiter. Und obwohl sie inzwischen steuerlich abgeschrieben ist, arbeitet die Anlage auch nicht mehr wirtschaftlich. Der Grund: Nach 20 Jahren Laufzeit ist sie aus der Vergütung über die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefallen. Die Erlöse sanken und decken die Kosten wie Wartung und Versicherungsprämien nicht mehr.
Abbau oder Erneuerung? Ein Gutachten hat Anfang 2021 zwar nachgewiesen, dass der technische Zustand der Anlage noch mindestens acht Jahre Betrieb erlauben dürfte, doch für die rund 70 privaten Eigentümer der Bürgerwindkraftanlage ist das keine wirkliche Perspektive. Sie suchten einen Ausweg und einen möglichen Partner. Denn mit einem sogenannten Repowering könnte man – nach diversen Ausschreibungs- und Zuschlagsprozeduren – wohl wieder einen höheren Garantiepreis für die Einspeisung des Stroms ins Netz erzielen.
Acht Jahre könnte die Anlage noch betrieben werden
Die SWS hätten leider kein Interesse gezeigt, sagte im September 2019 Heinrich Blasenbrei-Wurtz, Gesellschafter und einstiger Bauleiter am Grünen Heiner. Eine SWS-Sprecherin bestätigte damals: Man betreibe deutschlandweit 31 Windkraftanlagen. In Abstimmung mit dem Aufsichtsrat sei entschieden worden, in keine weiteren Windkraftprojekte zu investieren. Doch dann machte Anfang 2021 die Firma Gedea-Ingelheim den Anteilseignern am Grünen Heiner ein gutes Angebot, über dessen genaue Konditionen alle schweigen. Im März 2021 willigten die Altgesellschafter ein, und daher läuft im Moment die Eintragung im Handelsregister. Gedea ist nun voll haftender Komplementär in einer GmbH & Co.KG.
Käuferin verhandelt mit Stadtwerken
Sie unterstützt gern Bürger-Windkraftprojekte und kooperiert auch gern mit Stadtwerken. Und bei den SWS ist seit April ein Technischer Geschäftsführer im Amt, mit dem ein anderer Wind weht. Peter Drausnigg findet das Thema Grüner Heiner offenbar sexy. Unserer Zeitung sagte er: „Gedea prüft, ob das Repowering machbar ist. Wenn was geht, stehen wir für eine Partnerschaft bereit.“
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Die Windräder werden in Stuttgart allerdings nicht üppig in den Himmel wachsen, auch nicht am Grünen Heiner. Die jetzige Anlage am Rand des Weilimdorfer Gewerbegebietes ist rund 70 Meter hoch und etwa 117 Tonnen schwer. Sehr viel mehr geht wegen des Untergrunds – Aushub- und Abbruchmaterialien und Abfälle – voraussichtlich nicht. Schon gar nicht möglich sind Anlagen mit fast 250 Meter Höhe wie in Gaildorf (Kreis Schwäbisch Hall).
Künftig 50 Prozent mehr Leistung?
Das neue Windrad, sagen Sachkenner, werde nicht sehr viel mächtiger in der Landschaft stehen als das bisherige. Dennoch könnte es eine Nennleistung von 750 Kilowatt haben und damit gut 300 Haushalte mit Strom versorgen. Wilfried Haas, der Geschäftsführer der Gedea-Ingelheim GmbH, meint auch: „Es wird wohl größer, aber nicht dreimal so hoch wie jetzt.“ Die Investitionskosten siedelt er im Bereich zwischen einer und fünf Millionen Euro an. Riesenüberschüsse seien nicht zu erwarten, das Ziel für die Rendite liege bei fünf Prozent. Zum Vergleich: Die bestehende Anlage soll einmal 614 000 Euro gekostet haben.
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Sollte es mit der EEG-Vergütung nicht klappen, steht auch noch eine Direktvermarktung des erzeugten Stroms – etwa im benachbarten Gewerbegebiet – zur Debatte. Das Ziel ist jedenfalls, die Stromproduktion auf dem Grünen Heiner zu sichern und zu erneuern – nicht erst in acht Jahren. „Wir stehen in den Startlöchern“, sagt Haas.
SWS-Aufsichtsrat möchte die Kooperation
Der SWS-Aufsichtsrat hat Geschäftsführer Drausnigg auch schon beauftragt, die Kooperation weiter vorzubereiten. Ein Mitglied des Gremiums sagte unserer Zeitung, der Nutzen für die SWS sei in erster Linie symbolischer Natur: Die städtische Tochter könnte dann den künstlichen Berg als „Landmark der Energiewende in Stuttgart“ vermarkten. Zugleich würde es illustrieren, welche Beiträge mit langfristiger Wirkung Bürgergenossenschaften einbringen könnten. Und letztlich wäre es das Signal, dass die SWS sich eines Besseren besonnen haben.
So ist die Entwicklung beim Strom
Windräder
Der Ausbau der Windkraft an Land hat seit Jahresbeginn an Fahrt aufgenommen, bleibt aber aus Sicht der Branche noch weit hinter dem nötigen Tempo zurück. Ans Netz kamen auf dem deutschen Festland von Januar bis September 345 Anlagen mit einer Leistung von insgesamt rund 1,4 Gigawatt. Das ist bei der Leistung ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum. Aber 165 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 172 Megawatt wurden stillgelegt, daher liegt der Nettozubau nur bei 1200 Megawatt. Das geht aus einer Übersicht der Fachagentur Wind an Land hervor. Im Gesamtjahr 2020 waren neue Windanlagen mit einer Gesamtleistung von 1,4 Gigawatt errichtet worden.
Bewertung Der Bundesverband Windenergie erklärte, noch könne es mit einem starken vierten Quartal gelingen, im Gesamtjahr die Marke von zwei Gigawatt beim Zubau zu überspringen. Dies wäre ein gutes Signal, auch wenn die Energiewende eigentlich jährlich mehr als fünf Gigawatt neue Windenergieleistung an Land erfordere. Der „unzureichende Zubau und die fehlenden Genehmigungen“ drohten sich im verbrauchsstarken Südosten und Südwesten zu einem gefährlichen Mix aufzuschaukeln. In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und im Saarland drohten Stromengpässe, wenn nicht umgehend gegengesteuert werde. Der Strom aus Windkraft gilt neben dem Strom aus Fotovoltaikanlagen als Grundvoraussetzung dafür, dass die Kohlendioxid-Emissionen drastisch reduziert werden können. Der Ökostrom aus erneuerbaren Quellen soll den mit fossilen Energieträgern erzeugten Strom ersetzen.
Strategien Der Aufsichtsrat der Stadtwerke Stuttgart verabschiedete sich im Herbst 2015 endgültig von dem in der Bevölkerung und beim Verband Region Stuttgart abgelehnten Projekt zweier Windkraftanlagen im Tauschwald bei Weilimdorf. Die Windkraftbeteiligungen fernab von Stuttgart wurden noch einmal ausgebaut: Man beschloss für etwa 12,2 Millionen Euro den Kauf der Windkraftanlagen Lieskau I und II nördlich von Dresden. Zugleich peilte man aber einen Kurswechsel bei der Investitionstätigkeit an – weg von der Windkraft, hin zu urbanen Energiesystemen. dpa/jos