Kommunalwahl 2019 in Stuttgart Das hält ein Designer von den Wahlplakaten

Von Achim Schaffrinna 

Seit einigen Wochen ist Stuttgart vollgepflastert mit Wahlplakaten. Erzielen sie den gewünschten Effekt? Der Grafikdesigner Achim Schaffrinna hat sich einigen von ihnen angenommen – und nicht alle kommen gut weg.

Wahlplakate in Stuttgart. Klicken Sie sich hier durch unsere Bildergalerie, um zu sehen, welche womöglich am besten ankommen! Foto: Leif Piechowski 6 Bilder
Wahlplakate in Stuttgart. Klicken Sie sich hier durch unsere Bildergalerie, um zu sehen, welche womöglich am besten ankommen! Foto: Leif Piechowski

Stuttgart - Der Kommunalwahlkampf spitzt sich immer weiter zu. Zeit, die Plakate, die Stuttgart seit einigen Wochen verzieren, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Grafikdesigner Achim Schaffrinna kommt aus Hannover und wirft darum einen unverbrauchten Blick auf Farben, Formen und Motive. In einem Gastbeitrag erklärt er, welche Plakate er für gelungen hält und wer sich besser ein wenig mehr Gedanken hätte machen sollen.

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„Anders als bei Bundes- oder Landtagswahlen hält sich der Aufwand, der im Rahmen von Plakatkampagnen bei Kommunalwahlen betrieben wird, in Grenzen. Das schlägt sich auch in der Qualität der Gestaltung der Motive wieder, die auch in diesem Fall ein ums andere mal Fingerspitzengefühl vermissen lassen, und das betrifft fast alle Parteien.

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AfD

Ein Gruppenfoto, ein Slogan, ein in der Parteifarbe Blau gehaltener Footer samt Logo und ein kreisrunder, roter Störer – so wirbt die AfD auf Plakaten. Was auf den Plakaten jedoch fehlt sind die Namen der abgebildeten Personen. Der Betrachter wird sich fragen, wer denn die zwei Frauen und drei Männer sind, die hier auf einem Foto abgelichtet wurden. Reichlich Platz wäre für die Auflistung der Namen vorhanden.

Das Foto selbst wirkt von der Machart her eher wie ein Schnappschuss. „Sagen was ist.“ ist wohl einer der inhaltslosesten Sprüche, die in den letzten 20 Jahren auf Wahlplakaten zu sehen waren. Fünf Namenlose, die, so suggeriert es zumindest jenes Plakat, die nichts zu sagen haben.

Fazit: Ideenlos, kraftlos, aussagelos.

FDP

Seit vier Jahren wirbt die FDP nicht nur mit einem neuen Parteilogo, sondern auch mit schrillen Farben: Cyan, Magenta und Gelb. Auch deshalb stechen die Plakate der FDP aus der Masse heraus, womit eines der Hauptziele von Plakatwerbung bereits erreicht ist. Wahlsprüche wie „Wer Stuttgart liebt macht es besser.“ sowie die Namen der Kandidaten sind auch aus größerer Distanz gut lesbar.

Links oben stellt die Abbildung der Domain www.fdp-stuttgart.de einen Bezug zu den digitalen Medien dar (auch die LINKE, die Freien Wähler und die CDU verwenden auf ihren Plakaten eine Domain). Alle Kandidaten werden von zahlreichen Strichen eingerahmt, ein Art Schein, wie er für Zeichnungen von Keith Haring so typisch ist, um dem jeweils abgebildeten Objekt Energie und Dynamik zu verleihen.

Fazit: Ein grell-helles Gelb im Hintergrund, strahlenbekranzte Kandidaten, die dem Betrachter allesamt ein Lächeln schenken – mehr Freundlichkeit geht nicht. Ob diese Charme-Offensive zum Erfolg führt, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

CDU

Mit dem Slogan „Durchstarten für Stuttgart“ und einem daran angelehnten Papierflieger als grafischer Akzent bestreitet die CDU ihren Wahlkampf. Wie schon bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 präsentieren sich die Christdemokraten auf den hochformatigen Themenplakaten ganz in Orange. Bei der Bundestagswahl 2013 noch in Funktion einer Sekundärfarbe, ist Orange mittlerweile zum prägenden Erkennungsmerkmal der Christdemokraten aufgestiegen.

Einzigartig ist die CDU mit Orange nicht, wie ein Blick auf die Motive der Piratenpartei zeigt – Verwechslungsgefahr besteht aufgrund der grundsätzlich verschiedenartigen Gestaltung freilich nicht. Das seit 2017 für Wahlplakate der CDU charakteristische, aus verschiedenfarbigen Streifen bestehende Muster, kommt auch diesmal zum Einsatz und sorgt für eine dynamische Aufteilung der Fläche. Das Muster, auf Bundesebene in Nationalfarben angelegt, bildet zusammen mit Orange und der Hausschrift „CDU-Kievit“, in der alle Texte gesetzt sind, die visuelle DNA der CDU. Während die in dieser Kombination gestalteten Plakate für hohe Wiedererkennbarkeit sorgen, lassen großformatige Plakate mit Fotomotiven zum Teil gestalterische Qualität vermissen.

Da werden Fotos schon einmal in der Höhe stark verzerrt („Starke Nachbarschaft“), der Kandidat per Photoshop in die U-Bahn-Station verfrachtet („S-Bahn ausbauen“) oder wahlweise unvorteilhaft vor einer Illustration drapiert („Leben und Arbeiten am Fluss“), wodurch das Plakat völlig überladen wirkt. Die Fotos stammen dabei zumeist aus Bilddatenbanken (Stock Images), was gerade bei einer Kommunalwahlkampagne bedauerlich ist. Da hätte man schon auch Menschen vor Ort zeigen können und Politiker, die das Gespräch mit ihnen suchen.

Fazit: Der Kampagne der CDU fehlt es vor allem an Authentizität und Echtheit.

Freie Wähler

Auch wenn das Blau der Freien Wähler eine Spur dunkler ist als das der AfD, lässt sich aufgrund des ähnlichen Aufbaus der Themenplakate – Foto oben, darunter eine blaue Fläche mit eingebettetem, in weiß gesetztem Wahlspruch – eine gewisse Ähnlichkeit nicht bestreiten. Das ist nicht gut, denn visuelle Differenzierungsmerkmale sind in der Markenführung und somit auch in der Wahlwerbung unerlässlich. Das Dilemma der Freien Wähler ist zudem, dass die Wählervereinigung, im Gegensatz zu den meisten anderen politischen Mitbewerbern, über kein einheitliches, auf Bundesebene geltendes visuelles Erscheinungsbild verfügt.

Ein klares Profil mit eindeutigen Differenzierungsmerkmalen fehlt den Freien Wählern, demzufolge stechen ihre Plakate auch nicht aus der Masse hervor. Beim Ausrichten der unterschiedlichen Elemente (Wahlspruch, Foto, Störer, Logo, Domain) bleibt oftmals keine freie Fläche mehr übrig – das Ergebnis sind überfrachtete Plakatmotive.

Fazit: Sowohl auf der formal-ästhetischen wie auf der sprachlichen Ebene sind die Plakate der Freien Wähler überaus konventionell. Es fehlt eine visuelle Sprache, die Einzigartigkeit vermittelt.

Die Grünen

Die Grünen verzichten als einzige Partei im Rahmen der Kommunalwahl darauf, ihren Namen auf die Plakate zu drucken. Als Grüne wiedererkennbar bleibt sie mit den Plakatmotiven dennoch. Wenn eine Partei, ohne Nennung des Namens, auf einem Plakat als Marke erkennbar ist, dann spricht dies für die Gestaltung.

Die Sonnenblume, rechts oben platziert, trägt ebenso zur Wiedererkennbarkeit bei wie die Typografie und die Farbe Grün. Seit 2015 verwendet die Partei als Hausschrift die Serifenschrift „Arvo Grün“. Auch die Fotomotive selbst wirken identitätsstiftend, da sie mal mehr mal weniger grün angehaucht sind. Auffälligstes Gestaltungselement sind diagonal verlaufende Linien, die als Hintergrund für die Wahlsprüche fungieren und die den Motiven in Kombination mit den anderen Gestaltungselementen Jugendlichkeit und Frische verleihen.

Fazit: Eine Kampagne mit Konzept und eine im Kontext von Wahlwerbung unverbrauchte, zeitgemäße Gestaltung.

Die Linke

Plakatmotive der Linken zählen im Wahlkampf oftmals zu den angriffslustigen, sowohl sprachlich wie gestalterisch, so auch diesmal. Dafür verantwortlich sind ein hoher Farbkontrast, kantige Blöcke, schmal und fett gesetzte Wahlsprüche und in diesem Fall eine Illustration einer demonstrierenden Menschenmenge, die Schilder und Megaphone gen Himmel reckt. Interessant ist, dass die Linke in ihrem visuellen Erscheinungsbild in jüngster Zeit auf die Farbe Schwarz weitestgehend verzichtet.

Die Farbkombination Rot, Weiß, Schwarz, traditionell die Hausfarben der Partei, ist geschichtlich alles andere als unbelastet. Seit einigen Monaten nutzt die Partei statt Schwarz verstärkt dunkle Blautöne, was die Plakatmotive weniger aggressiv erscheinen lässt.

Auch auf der sprachlichen Ebene scheint die Linke dazugelernt zu haben. Statt, wie oft in der Vergangenheit, lediglich von zahlreichen Ausrufezeichen begleitet kund zu tun wogegen die Partei ist, lassen Wahlsprüche nun erkennen, wofür die Linke steht. Eine Verschiebung also vom reinen Protest hin zum Fokus auf die eigenen politischen Inhalte. Dabei sind die Wahlsprüche ausreichend kurz, um auch bei flüchtigem Blick gelesen werden zu können. Aus gestalterischer Sicht gibt es wenig, was zu kritisieren wäre.

Als einzige Partei zeigt die Linke auf ihren Plakaten gleich zwei Domains, darunter ein Profil auf Facebook. Hinter der AfD verfügt die Linke auf Bundesebene über die meisten Abonnenten auf Facebook (Stand 04/2019: AfD 470.517, Die Linke 265.709, CDU 214.450, SPD 207.747, Die Grünen 201.796 , FDP 167.274, Piratenpartei 70.574).

Fazit: Aus meiner Sicht ist die Linke die Partei, die im Rahmen des Wahlkampfs den größten Entwicklungsschritt im Bereich der Markenkommunikation erkennen lässt.

Piratenpartei

Nach dem steilen Aufstieg der Piraten in den Jahren 2011 und 2012 folgten Jahre der Ernüchterung. Für die Weiterentwicklung des visuellen Erscheinungsbildes, so scheint es, fehlten bislang die Zeit, die finanziellen Mittel und vielleicht auch das Know-how. Seitdem die CDU gewissermaßen Orange gekapert und politisch neu besetzt hat, tun sich die Piraten mit einem wiedererkennbaren visuellen Profil schwer.

Die Plakate sind handwerklich solide, aber auch nicht mehr. Die unterschiedlichen Elemente wirken, auch da ein grundlegender Raster fehlt, wie zufällig platziert. Die Qualität der fotografischen Abbildung der Kandidaten lässt zu wünschen übrig. Hier schneiden Plakate der Piraten regelmäßig mit am schlechtesten ab. Auch Wahlsprüche wie „Aus dem Süden - für den Süden“ sind Ausdruck von Ideenlosigkeit.

Fazit: Eine Kampagne, die in Sachen Gestaltung wie auch insgesamt im Bereich der Markenkommunikation viel Luft nach oben hat.

SPD

Nanu … ist das tatsächlich die SPD? So schwarz hat man die Sozialdemokraten bis dato noch nie gesehen. Lediglich die drei Lettern „SPD“, rechts unten positioniert, lassen den Absender der politischen Botschaft erkennen. Wobei eine in rot gesetzte Wortmarke vor schwarzem Grund im Corporate Design der SPD gar nicht vorgesehen ist. Auch der Rotton weicht von den eigentlich für die Partei geltenden Gestaltungsvorgaben erheblich ab. Ein bemerkenswerter zudem höchst fragwürdiger Bruch mit den für die Partei geltenden Gestaltungsrichtlinien. Über die Gründe, die die Stuttgarter SPD zu solch einem Harakiri bewegt haben, lässt sich nur spekulieren.

Klar ist jedoch, dass sich die Partei mit einer solchen Gestaltung, die die Identität der Partei verleugnet und zudem einzig auf Provokation ausgerichtet ist, ins eigene Fleisch schneidet. Statt eigene Inhalte in den Mittelpunkt zu stellen, geht die SPD auf ihren Plakaten den politischen Gegner direkt an. Gerade im politischen Spektrum wirkt sich vergleichende Werbung, dafür gibt es genügend Beispiele, eher nachteilig aus. Die Wahlkampagne der SPD zur Europawahl 2009, in der politische Gegner mit Hilfe von Illustrationen und Sprüchen wie „Finanzhaie würden FDP wählen“ aufs Korn genommen wurden, sorgte zwar für ein großes Medienecho, allerdings erzielte die SPD seinerzeit mit lediglich 20,8 % ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Europawahl.

Gleichwohl muss man den unmittelbaren Einfluss von Wahlwerbung auf den Ausgang einer Wahl in Frage stellen. Den amtierenden Bürgermeister auf Plakaten allerdings persönlich anzugehen und schlechtzumachen, lässt Souveränität vermissen und wirkt eher hilflos denn angriffslustig.

Fazit: Die Kampagne der SPD ist ein gefährliches Spiel mit der eigenen Identität.“

Zur Person

Achim Schaffrinna ist 48 Jahre alt und lebt in Hannover. Er arbeitet als Designer. Auf seinem Blog www.designtagebuch.de veröffentlicht er zu fast jeder Wahl Überlegungen zu den Parteiplakaten. Er sagt: „Wahlplakate haben zwei Aufgaben: daran erinnern, dass eine Wahl bevorsteht, und den Betrachter einladen, sich näher mit einem Thema zu beschäftigen.“

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