Kommunalwahl 2024 Was bewegt drei Jugendliche, für den Gemeinderat zu kandidieren?

Nicht nur in Leonberg werben die Parteien und Wählerinitiativen für ihre Kandidatinnen und Kandidaten. Zum ersten Mal sind darunter auch Jugendliche unter 18 Jahren. Foto: Simon Granville

Zum ersten Mal dürfen bei der Kommunalwahl am 9. Juni auch Jugendliche ab 16 Jahren wählen und sogar kandidieren. Was bewegt junge Menschen dazu, diesen Schritt zu gehen?

Wo viele Erwachsene eher fragend die Achseln zucken, sind David Völter, Milla Heer und Moritz Halbeisen voll in ihrem Element. Alle drei sind noch unter 18 Jahre alt und interessieren sich dennoch schon seit mehreren Jahren für Politik. Für die Kommunalwahlen am 9. Juni wurde das Wahlrecht von 18 auf 16 Jahre herabgesetzt. Das heißt, 16-Jährige dürfen nicht nur wählen, sondern auch kandidieren. Diese Chance haben die Jugendlichen ergriffen und sich für die Kommunalwahl beworben.

 

Am 9. Juni stehen ihre Namen alle auf einer Liste für die Gemeinderatswahl – in unterschiedlichen Orten und für unterschiedliche Gruppen und Parteien: David Völter für die CDU in Heimsheim, Milla Heer für SALZ in Leonberg und Moritz Halbeisen für die Grünen in Ditzingen. Was sie eint, ist vor allem die Begeisterung für politische Inhalte.

Schon viele Jahre Interesse an Politik

„Bei mir fing das in der siebten oder achten Klasse an, seit wir in der Schule Gemeinschaftskunde haben“, erzählt David Völter (17). Bei der Leonberger Schülerin Milla Heer, die erst vor wenigen Tagen 17 geworden ist, war es ein Ausflug ins Europaparlament, der sie besonders inspiriert hat. „Ich habe mich schon länger für Politik interessiert, das hat den Willen, etwas zu verändern, aber noch mal bestärkt.“ Der Jüngste im Bunde ist Moritz Halbeisen. Der Ditzinger, der die Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart besucht, wird sogar erst nach der Wahl 17. Ihm wurde das politische Interesse quasi in die Wiege gelegt. „Bei uns zu Hause sprechen wir immer wieder über politische Themen“, erzählt er. „Meine Geschwister sind auch bei Fridays for future aktiv.“

Weil er sich auch selbst engagieren wollte, ist Moritz Halbeisen schließlich bei der Grünen Jugend eingetreten und später beim Bündnis 90/Die Grünen. Angesprochen hatte ihn ein Vertreter aus dem Gemeinderat Ditzingen, ob er sich eine Kandidatur für den Gemeinderat vorstellen könnte. Auf diese Weise sind letztlich auch die anderen zu ihrer Kandidatur gekommen. „Nachdem mich Ralf Rüth von der CDU darauf angesprochen hatte, ist mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gegangen“, verrät David Völter.

Individuelle Schwerpunkte

Milla Heer kann sich sogar vorstellen, später hauptberuflich in die Politik zu gehen, jetzt möchte sie das Ganze von der Basis auf kennenlernen. „Bundes- und Europapolitik sind natürlich interessant und spannend“, sagt auch Moritz Halbeisen. „Aber jeder fängt mal klein an, und auch im Lokalen kann es spannend sein, in der Partei aktiv zu sein, den Wahlkampf mitzuerleben und später vielleicht sogar den eigenen Ort mitzugestalten.“

Ihre persönlichen Schwerpunkte sind dabei individuell. Während Moritz Halbeisen vor allem den Klimaschutz im Blick hat sowie die Sorge vor dem Rechtsruck der Gesellschaft, möchte Milla Heer sich von den Ideen der Bürgerinnen und Bürger inspirieren lassen – jung wie alt. Beide teilen den Wunsch nach der Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs, Milla Heer könnte sich zum Beispiel einen Nachtbus in Leonberg vorstellen. Dass es keinen Treffpunkt für Jugendliche in Heimsheim gibt, bedauert David Völter und möchte das gerne ändern. Gleichzeitig geht es dem Auszubildenden zum KfZ-Mechatroniker für E-Autos darum, Gewerbe nach Heimsheim zu holen, damit junge Menschen einen Ausbildungsplatz finden.

„Das ist eine großartige Chance“

Sich für diese Ziele zu engagieren, ist die eine Sache, eine Kandidatur für ein politisches Amt eine ganz andere, die im Falle einer Wahl große Verpflichtungen und Verantwortung mit sich bringt. Also lieber noch einmal fünf Jahre abwarten bis zur nächsten Wahl? Für Moritz Halbeisen war das keine Option. „Ich denke, das ist eine großartige Chance, und ich bin sehr froh, dass ich sie bekommen habe.“ Er sieht es als besonders wichtig an, dass auch Jüngere sich aufstellen lassen, um anderen jungen Menschen eine Stimme zu geben.

Die geringere Lebenserfahrung sieht David Völter auch gar nicht als Malus. „Es gibt viele Sachen, die ,schon immer so gemacht wurden‘, wenn man dann mit frischem Wind und neuen Ideen reinkommt, kann man so eingeschlafene Strukturen vielleicht etwas aufbrechen“, findet er. Hinzukomme, dass viele junge Menschen gar nicht wüssten, an wen sie sich bei politischen Fragen wenden müssen. „Auch das hat mich motiviert, zu kandidieren.“

Politische Aufklärung ist wichtig

Umso wichtiger ist aus ihrer Sicht die politische Aufklärung. Schulen wie auch die Politik sehen sie in der Pflicht, Schülerinnen und Schülern „das passende Rüstzeug an die Hand zu geben“, so David Völter. „Ich habe zuletzt mit ein paar Jüngeren gesprochen, die tatsächlich Angst haben, den Falschen zu wählen.“ Moritz Halbeisen ergänzt: „Nicht alle Jugendlichen haben den Vorteil, dass sie schon am Küchentisch mit solchen Themen konfrontiert werden.“ Leider sei der Grad an politischer Aufklärung von Schule zu Schule und von Lehrer zu Lehrer sehr unterschiedlich.

Wobei dieses Problem nach Milla Heers Erfahrung nicht nur die jungen Menschen betrifft, „das geht älteren genauso“. Aufklärungsarbeit ist aus ihrer Sicht in allen Generationen wichtig. Unabhängig davon stehen alle drei absolut hinter der Herabsetzung des Wahlalters. „Die Hälfte der 16-Jährigen macht gerade den Abschluss oder geht schon arbeiten“, formuliert es Milla Heer. „Da ist es nur gut, wenn wir uns auch beteiligen dürfen.“

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