Kommunalwahl im Fokus Wahlkampf im Netz spielte kaum eine Rolle

Aktivitäten verschiedener Parteien in den sozialen Netzwerken: Experten kritisieren, die Posts müssten emotionaler und interessanter werden.  Foto: HdM
Aktivitäten verschiedener Parteien in den sozialen Netzwerken: Experten kritisieren, die Posts müssten emotionaler und interessanter werden. Foto: HdM

Gerade die Jungwähler sollten bei den Kommunalwahlen erreicht werden. Doch die sind da, wo kaum ein Kandidat war: im Internet. Den Parteien schien im Wahlkampf eine Präsenz in den sozialen Medien nicht wichtig. Dabei liegen im Wahlkampf 2.0 durchaus Chancen.  

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Stuttgart - Offline waren fast alle dabei: Plakate, Flyer, Stände in den Fußgängerzonen der Stadt - die Kandidaten der Wahl zum Stuttgarter Gemeinderat gaben sich reichlich Mühe und kämpften um die Aufmerksamkeit der Wähler. Online hingegen, in der digitalen Welt, tat sich fast gar nichts. Sowohl Parteien als auch Kandidaten selbst zeigten offenbar kaum Interesse daran, über Facebook und andere soziale Medien Wählerstimmen zu erlangen. Wieso ist unklar, schließlich tummeln sich dort doch angeblich gerade die, die man bei diesen Wahlen erreichen wollte - die Jungwähler nämlich.

„Viele Kandidaten wollen definitiv auch in den sozialen Medien Wahlkampf machen, aber sie wissen nicht, wie es geht“, vermutet Yasmin Dorostan. Sie ist Dozentin für „Kommunikation und Politik“ an der Hochschule der Medien in Stuttgart und hat die Präsenzen von Parteien und Kandidaten anlässlich der Gemeinderatswahl unter die Lupe genommen.

Kandidaten sind kaum online

Allzu viel zu sehen gab es für sie aber nicht: Wer die Facebookseiten der Ortsverbände vieler Parteien besucht, muss feststellen, dass hier nur vereinzelt gepostet wird. Bei den Grünen und der SPD etwa reichte es nur für einen müden Wahlaufruf am Abend des 24. Mai. Nach Verkündung der Ergebnisse folgten vereinzelte Reaktionen der Kandidaten. Marcel Wolf von der CDU etwa bedankte sich in einem Post auf seinem privaten Facebook-Profil bei den Wählern und Wahlhelfern für ihre „super Unterstützung“.

Es zeichnet sich ab, dass die meisten Politiker zwar über einen eigenen Account verfügen, doch aufgrund deren Sichtbarkeitseinstellung kaum öffentliche Interaktionen stattfinden können. Nur wenige nutzen eine „Personen-Seite“, um über sich und ihr Wahlprogramm zu berichten. Ein Beispiel dafür ist Björn Peterhoff von den Grünen. Am 27. Mai schrieb er sofort „Ich bin drin!“, und bedankte sich für das Vertrauen der Bürger. Peterhoff verkündete, er freue sich auf die kommenden fünf Jahre als Stadtrat in Stuttgart. Damit erntete er immerhin 37 Likes und positive Resonanz. „Die Subkultur braucht dich“, heißt es in den Kommentaren.

Jedoch ist dies ein Einzelfall. Denn die Seiten vieler Kandidaten sind einfach gestrickt und werden kaum mit „Gefällt mir“-Klicks honoriert, ihre Reichweite ist gering. „Möglich wäre, dass zum Beispiel der Kreisverband die Kandidaten dabei unterstützt, einheitliche Angebote in den sozialen Medien aufzubauen“, so Yasmin Dorostan. Die meisten Kandidaten hätten keine Zeit, um sich selbst intensiv um ihre Auftritte in Netzwerken wie Facebook oder Twitter zu kümmern. „Dabei wäre das sehr wichtig, da sie so besonders die Jungwähler erreichen“, meint Yasmin Dorostan. Dass der Großteil des Wahlkampfes sich noch offline und nicht im Internet abspiele, sei zwar „enttäuschend, aber nicht verwunderlich“. Es seien fast nur die jüngeren Kandidaten gewesen, die Facebook für ihren Wahlkampf genutzt hätten und wüssten, wie man dort Menschen ansprechen könne: „Nicht, indem man belanglose Fotos vom Wahlkampfstand in der Fußgängerzone postet, sondern mit interessanten Videos und Bildern, die Emotionen transportieren“, sagt Dorostan. Auch sie findet, dass Björn Peterhoff von den Grünen oder Marcel Wolf von der CDU sich durchaus darum bemüht hätten.

Wahlkampf auf Facebook: „Man muss furchtlos sein!“

Dr. Wolfgang Schweiger pflichtet ihr bei. Er ist Professor an der Universität Hohenheim, beschäftigt sich dort mit Medien- und Onlinekommunikation und hat in den sozialen Netzwerken ebenfalls kaum etwas von der Kommunalwahl mitbekommen. „Auf Facebook gehen nur die Kandidaten, die Lust auf Kommunikation haben. Wer Spaß an den sozialen Netzwerken hat, für den ist es auch keine Belastung, ab und zu Fotos zu posten oder auf Fragen zu antworten. Man muss furchtlos sein“, sagt Schweiger. Aus Stuttgart fällt Schweiger kein Kandidat ein, der wirklich aktiv über seinen Wahlkampf gepostet hat. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Die Grünen) könnte seinen Parteikollegen in Stuttgart aber Nachhilfe geben.

Mit einer geschickten Kampagne im Internet könne man auf kommunaler Ebene definitiv etwas bewegen. Gerade Einzelbewerber hätten hier eine Chance, da sie dann in der unmittelbaren Umgebung potenzielle Wähler auch auf digitalem Wege erreichten. Außerdem könne man mit Fotos und einer klaren Sprache die persönliche Beziehung zu seinen Anhängern ausbauen, meint Schweiger.

„Man muss sich gerade im Internet auf ein konkretes Thema fokussieren“, rät Schweiger weiter. Dann solle man versuchen, eine geschickte Wahlkampagne aufzubauen. Etwa mit Videos, die viele Leute danach an ihre Freunde weiterleiten. Solche „viralen Videos“ gäbe es zwar auch jetzt schon. Wenn sie denn geteilt wurden, geschah dies aber häufig eher deshalb, weil sie unfreiwillig komisch waren.

Twitter fast bedeutungslos

Das soziale Netzwerk Twitter wird zwar von einzelnen Parteien bespielt, doch auch hier zeigt sich, dass vor allem der älteren Generation unter den Wahlkandidaten die nötige Online-Erfahrung fehlt. Die SPD Stuttgart twittert unter @spd0711 zwar regelmäßig und mit über 1600 Followern auch erfolgreich, jedoch verzichten die Verfasser dabei meist auf den sogenannten Hashtag. Diese Verschlagwortung innerhalb eines Fließtextes soll den Nutzern die Suche nach bestimmten Beiträgen erleichtern. Ein positives Beispiel ist die Grüne Jugend Stuttgart. Am 25. Mai schrieben sie über ihr Twitter-Profil @GJstuttgart:

Doch seit mehreren Tagen - trotz weiterer Wahlergebnisse und immerhin über 800 Nutzern, die die Tweets abonniert haben - folgten keine Äußerungen mehr. Einer der großen Twitter-Verlierer ist die CDU Stuttgart, schon seit über einem Jahr ist ihr Twitteraccount verwaist – und das, obwohl sogar ein Internetbeauftragter der Partei mit der Pflege des Accounts beauftragt wurde. Insgesamt sei das aber kein ungewöhnliches Bild. Dr. Wolfgang Schweiger von der Uni Hohenheim findet, dass Twitter einen noch recht geringen Stellenwert in Deutschland habe – „und ich glaube nicht, dass sich das so schnell ändert.“ Für den Wahlkampf im Social Web solle man sich eher auf Facebook konzentrieren.

„Digital natives“ verändern auch den Wahlkampf

„Die Kandidaten müssen versuchen, die Facebook-Nutzer zu aktivieren, die viel Spaß am Kommentieren und Diskutieren haben, dann werden deren Freunde und Bekannte auch darauf aufmerksam – und so weiter“, glaubt Yasmin Dorostan von der HdM, die auch an der Uni Hohenheim zum Thema politische Kommunikation promoviert. Sie meint, dass zumindest die jungen Organisationen der Parteien dem Onlinewahlkampf gegenüber aufgeschlossener gewesen seien. Die Facebookseiten von Junger Union, Grüner Jugend oder den Jusos waren mit aktuellen und ansprechenden Inhalten gefüllt. Können die alten Hasen also von den Jungen noch lernen?

Die "Digital Natives", also die Menschen, die mit Computern und dem Internet aufgewachsen sind, würden die Wahlen in Zukunft langsam aber sicher verändern. „Einerseits wächst hier eine neue Generation an Kandidaten heran, andererseits werden auch die Kandidaten immer jünger. Und denen fällt es nicht schwer, auch online Wahlkampf zu machen“, sagt Dorostan. Noch müssten sich sowohl Parteien als auch Kandidaten bei den Großen abgucken, wie wirkungsvoller Wahlkampf im Web funktionieren und Menschen erreichen kann, die eigentlich gar nicht gezielt danach suchen. Peer Steinbrücks Stinkefinger-Bild etwa ging rasch durchs Netz, ebenso das Foto, wie Barack Obama nach seinem Wahlsieg seine Frau umarmt. Der sei ein Vorreiter in Sachen Web-Wahlkampf, gerade wenn es darum geht, politisch-emotionale Kampagnen im Internet zu lancieren. Vielleicht fehlt also auch in Stuttgart einfach nur ein bisschen was vom Geist von Obama.

 

 

 




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