Kommunalwahl im Kreis Esslingen Zwei Menschen erzählen, warum sie für den Gemeinderat kandidieren

Annette Silberhorn-Hemminger ist Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler in Esslingen, Nicolai Boldt ist der jüngste Stadtrat in Wernau. Foto: Roberto Bulgrin

Die ehrenamtliche Tätigkeit im Gemeinderat ist zeitaufwendig und nicht immer einfach. Dennoch kandidieren zahlreiche Menschen bei der Kommunalwahl im Juni. Wir haben mit zweien von ihnen darüber gesprochen, was sie dazu motiviert.

Die Kommunalwahl am 9. Juni rückt näher. Die erfahrene Esslinger Stadträtin Annette Silberhorn-Hemminger und Nicolai Boldt, jüngster Stadtrat in Wernau, kandidieren für den Gemeinderat. Im Interview erzählen sie, warum sie für die Kommunalpolitik brennen, was sie stört und warum sie dennoch antreten.

 

Frau Silberhorn-Hemminger, Sie kandidieren bei der Kommunalwahl für den Esslinger Gemeinderat, Sie Herr Boldt für den Gemeinderat in Wernau. Was war ausschlaggebend für Ihre Kandidatur?

Silberhorn-Hemminger: Seit meiner Jugend bin ich ehrenamtlich aktiv, das gehört für mich ganz selbstverständlich dazu. Inzwischen bin ich seit 17 Jahren Stadträtin im Esslinger Gemeinderat und seit 13 Jahren Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler. Das ist ein sehr herausforderndes Amt, aber man bekommt auch viel zurück. Ich bin in Esslingen geboren und kenne die Stadt gut, aber als Stadträtin lerne ich immer noch etwas dazu. Es reizt mich, die Stadt mitzugestalten und Lösungen für die Bürgerschaft zu finden. Da gleich vier Fraktionskollegen nicht mehr kandidieren, war für mich klar, dass ich wieder antrete.

Boldt: Ich war in Zeiten der Flüchtlingskrise 2015 nicht zufrieden mit der Politik und dachte: Wenn du unzufrieden bist, dann muss du selbst etwas machen. Ich habe mich dann zunächst im Freundeskreis für Flüchtlinge eingebracht und dann auch bei den Grünen. Im Jahr 2017 bin ich in den Kreisvorstand der Grünen gewählt worden. Da war für mich klar, dass ich auch für den Gemeinderat kandidiere. 2019 stand ich auf Platz eins der Wernauer Liste. Ich glaube, ich habe seither gute Arbeit geleistet und würde das gerne fortsetzen. Deshalb kandidiere ich wieder.

Sie waren beide schon Mitglied im Gemeinderat und wissen, dass dieses Ehrenamt sehr zeitaufwendig sein kann. Schreckt Sie das nicht ab?

Silberhorn-Hemminger: Der Zeitaufwand ist schon enorm. Ich bin berufstätig und wende zusätzlich etwa 20 Stunden pro Woche auf für Sitzungen, das Lesen der Vorlagen, die Beantwortung von E-Mails und für Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern. Zudem muss man sich auch bei Veranstaltungen sehen lassen und generell ansprechbar sein – deshalb plane ich durchaus auch mal eine Stunde länger für meinen Marktbesuch ein. Aber dafür diskutieren wir auf Augenhöhe mit den Bürgermeistern und dem Oberbürgermeister, sind nah dran an den Themen und wissen immer etwas eher darüber Bescheid, was in Esslingen ansteht – das macht das Amt sehr attraktiv.

Boldt: Der Arbeitsaufwand kommt in Wellen. Wir haben in Wernau alle drei bis vier Wochen Gemeinderatssitzung, da kommen schon mal zehn bis zwölf Stunden Arbeit zusammen. In anderen Wochen brauche ich manchmal nur eine Stunde zum E-Mails lesen. Das ist durchaus machbar.

Nicht von Anfeindungen abschrecken lassen

Immer wieder werden Politikerinnen und Politiker für ihre Positionen angefeindet – auch auf lokaler Ebene. Wie gehen Sie damit um?

Silberhorn-Hemminger: Ich merke schon, dass sich das Klima verändert. Konkrete Angriffe oder Anfeindungen gab es bei uns bislang noch nicht – außer, dass wir vor einigen Jahren mal anonyme Briefe erhalten haben, die grenzwertig waren. Aber es ist nicht so, dass ich Angst hätte. Prinzipiell halte ich politischen Streit für gut und richtig. Es geht ja nicht darum, dass wir uns alle mögen oder permanent einer Meinung sind, sondern darum, Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen.

Boldt: Seit zwei bis drei Jahren spüren wir, dass sich das politische Klima verschärft. Wir bekommen immer wieder mal Hassmails, wir hatten schon einmal Bauschaum im Briefkasten der Grünen und derzeit werden oft Wahlplakate zerstört. Gerade nach der Attacke auf den SPD-Politiker in Dresden hat man die Gewalt gegen Politiker schon im Hinterkopf, aber Angst habe ich trotzdem nicht. In den allermeisten Fällen passiert ja nichts. Und ich lasse mich durch Drohungen nicht davon abhalten, etwas zu tun oder zu lassen.

Oftmals werden Themen im Gemeinderat gefühlt endlos diskutiert, bevor eine Entscheidung fällt. Ist das nicht frustrierend?

Silberhorn-Hemminger: Als ich in den Esslinger Gemeinderat kam, hatte ich eher den Eindruck, dass sehr wenig diskutiert wurde. Jeder gab seine Stellungnahme ab und dann wurde abgestimmt. Das hat sich inzwischen zwar geändert, dennoch werden viele Dinge meiner Ansicht nach recht schnell beschlossen. Aber es gibt natürlich auch die Themen, die geradezu in Endlosschleife immer wieder neu debattiert werden. Vielleicht müssten wir manchmal einfach etwas ausprobieren, statt es bis ins letzte Detail zu überdenken – und dann aber auch eine Entscheidung revidieren können, wenn sie sich als falsch erweist.

Boldt: Es kann schon frustrierend sein, wenn alles schon gesagt ist, aber trotzdem jeder noch einmal das Wort ergreift. Aber das gehört dazu. Und es ist einfach so, dass eine Diskussion nicht in fünf Minuten erledigt ist, wenn 20 Leute am Tisch sitzen. Ich finde es wichtig, dass alle ihre Meinung äußern dürfen. Es ist auch eine Art Qualitätssicherung, wenn alle sich beteiligen und mitdenken. Und demokratische Mühlen mahlen einfach langsam.

Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrem Amt als Stadträtin beziehungsweise Stadtrat?

Silberhorn-Hemminger: Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich mindestens einmal die Woche ins Alte Rathaus gehen darf. Außerdem mag ich es, dass ich als Stadträtin immer einen Ticken näher am Geschehen bin und weiß, was in der Stadt ansteht.

Boldt: Mir gefällt, dass man als Stadtrat wirklich etwas gestalten kann und dann auch sieht, was man erreicht hat. Bei 22 Stadträten in Wernau hat meine Stimme Gewicht und ich habe gute Chancen, dass meine Ideen umgesetzt werden.

Kompromissfindung kann anstrengend sein

Was stört Sie am Dasein als Stadträtin beziehungsweise Stadtrat?

Silberhorn-Hemminger: Es gab Zeiten, da haben wir als Stadträte wenig Wertschätzung von der Stadtverwaltung gespürt. Das hat sich gebessert und das ist auch wichtig, denn das ist ein sehr aufreibender Job. Mich stören Aktionen wie die, als es um die Erhöhung der Elternentgelte im Kindergarten ging. Da haben wir Stadträte an einem Wochenende 150 gleichlautende E-Mails erhalten. Das hat mich sehr geärgert, denn ich bin offen für Kritik, aber dann sollte man in einen Dialog treten – ich kann doch nicht 150 E-Mails beantworten. Schwierig ist auch, dass es verstärkt Interessengruppen gibt, die mit großer Absolutheit ihr eigenes Thema voranstellen und dabei manchmal den Blick für das Gesamte verlieren.

Boldt: Wenn wir als Fraktion etwas erreichen wollen, müssen wir uns Verbündete suchen und eventuell Kompromisse eingehen. Das kann zwar bereichernd sein, ist aber auch anstrengend. Man muss damit rechnen, dass die eigenen Ideen vielleicht nicht immer so durchkommen, wie man es gerne hätte.

Persönliches im Kurzformat

Wernau
Der Grünen-Stadtrat Nicolai Boldt ist 31 Jahre alt und damit der jüngste Stadtrat im Gemeinderat Wernau. Der Projektmanager einer Firma für Online-Beteiligungen ist im Jahr 2019 im Alter von 26 Jahren in das Gremium gewählt worden. Boldt will sich vor allem für Digitalisierung und Beteiligung, insbesondere Jugendbeteiligung, einsetzen. Es ist ihm ein Anliegen, vor allem junge Menschen für Kommunalpolitik zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass sie vor Ort etwas bewegen und gestalten können.

Esslingen
Annette Silberhorn-Hemminger ist 54 Jahre alt und sitzt seit 17 Jahren für die Freien Wähler im Esslinger Gemeinderat, seit 13 Jahren als Fraktionsvorsitzende. Die Bauingenieurin arbeitet im familieneigenen Handwerksbetrieb und zudem als Geschäftsführerin beim Landesverband der Freien Wähler. Von 2017 bis 2019 absolvierte Silberhorn-Hemminger zusätzlich ein Masterstudium der Philosophie, Politik und Wirtschaft.

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