Die Eröffnungsparty steigt am 29. Juni. Nach jahrelanger Bauzeit wird die sanierte Fußgängerzone eingeweiht. Stolze 31 000 Euro soll das Event kosten. 21 000 Euro steuert Baden-Württemberg bei. 10 000 Euro hat die Stadt aus eigener Kasse vorgesehen. Das Ziel ist klar: Die aufgehübschte Innenstadt soll Lust machen, zum Flanieren, Verweilen und Einkaufen nach Marbach zu kommen. Aber reichen optische Highlights aus, um die Innenstadt zu beleben? Wir haben die Vorsitzenden der Fraktionen im Gemeinderat und den Sprecher der Gruppe Puls zum Thema Innenstadt im Vorfeld der Kommunalwahl am Sonntag, 9. Juni dazu befragt.
Grüne: Unterschiedliche Kultur „Eine schön sanierte Fußgängerzone ist noch keine lebendige Innenstadt und auch der Markt allein kann es nicht richten“, ist Susanne Wichmann von den Grünen überzeugt. Es brauche immer wieder Impulse und neue Ideen, die Altstadt zu bespielen. Um Veranstaltungen zu koordinieren und um vor allem als Moderator zwischen Eigentümern, Einzelhändlern, Marktbeschickern, Anwohnern, Vereinen und Initiativen zu fungieren und am Thema Leerstand dranzubleiben, brauche man auch künftig das Citymanagement. „Wenn die Sanierung Stadtkirche abgeschlossen ist, könnten wir uns auch dort wieder regelmäßig Veranstaltungen vorstellen, wie etwa die erfolgreiche Reihe ‚Musik zur Marktzeit’, was auch unabhängig vom Markt ,Freitags halb Eins’ heißen könnte mit anschließendem Mittagsangebot in der Innenstadtgastronomie.“ Außerdem sei eine offene Bühne am Rathaus denkbar, auf der sich regelmäßig Musik- und Theatergruppen von Schulen und Vereinen oder Chöre anmelden und auftreten können. Oder Kreativräume, wie ein offenes Atelier oder ein Pop-up Store. In Richtung Einzelhandel wünschen sich die Grünen einen Lieferservice für ältere Menschen. Es brauche einen gemeinsamen Willen und Engagement von Stadtverwaltung, Institutionen und Bürgerschaft, um die Altstadt lebendig zu halten.
CDU: Ein Laden mit heimischen Produkten Wiederbelebung passiere nicht durch den Austausch von Kanälen, Leitungen, neuen Steinen, Fahrradständern oder Bänken, betont Fraktionschefin Heike Breitenbücher. Doch ein neues Wohnzimmer – und genau das soll die sanierte Fußgängerzone werden – lade „schon mal mehr“ zum Verweilen und sich aufhalten ein. In puncto Gastronomie sei Marbach gut aufgestellt, findet sie. Doch Gastronomie allein kann es nicht richten. „Es kommen mehr Leute in die City, wenn sie dort wieder fast alles einkaufen können“, sagt Breitenbücher und gewährt Einblicke ins Familienleben. „Mein Mann will einen Baumarkt, ich wäre schon mit Uhrenbatterien und Leuchtmitteln zufrieden – diese Allround-Geschäfte fehlen.“ Andererseits sei man mit den aktuellen Geschäften „nicht so ganz schlecht dran“. Breitenbüchers großer Wunsch ist die Anmietung eines Ladens, in dem es heimische Produkte gibt: Hofladen, Lederwaren, Öl aus der Ölmühle, Wein, Weltläden der Kirchen. „Alle teilen sich die Kosten der Mitarbeiter – das wäre klasse für Einwohner und Touristen“, findet die CDU-Chefin. Allerdings gehöre zum Erfolg aber auch, dass die Marbacher vor Ort einkaufen. Das könne man jedoch nicht verordnen. „Jeder ist ein Pfeiler. Je mehr Dinge auf einmal besorgt und erledigt werden können, je größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Besucher und Kunden kommen.“
FW: Unternehmerisch handeln Innenstädte haben es im Zeitalter des Internets allerorten nicht leicht. Dies gelte nicht nur für Marbach, sondern selbst für Großstädte wie Stuttgart, betont Martin Mistele. Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Letzteres sehe man beispielsweise an den Problemen von Karstadt/Kaufhof. Die Sanierung der Fußgängerzone sei nach mehr als 40 Jahren fällig gewesen. „Ziel war es, für die Bürger von Marbach eine neue Aufenthaltsqualität zu schaffen.“ Sowohl der Einzelhandel, als auch die Marktbeschicker seien Unternehmen und müssten letztlich unternehmerisch handeln. Das heiße, ein attraktives Angebot für eine ausreichend große Zielgruppe zu machen, sodass der Verdienst unterm Strich für sie auskömmlich ist. Die Überbrückungshilfe während der Bauzeit und die Aktionen des Stadtmarketings mit den Einzelhändlern hätten befristet Sinn gemacht. Dauerhaft könne und sollte die Stadt hier jedoch nicht eingreifen, findet Mistele.
SPD: Einzelhändler sind auch in der Pflicht Der Wochenmarkt allein kann die Marbacher Innenstadt nicht beleben. Das weiß auch Ernst Morlock, Fraktionschef der SPD im Marbacher Gemeinderat. Auch der Einzelhandel und die Gastronomie sind gefordert, die Chancen und Möglichkeiten der sanierten Fußgängerzone zu nutzen. Dazu gehöre auch, dass man die vom Stadtmarketingverein, von der Interessengemeinschaft der Selbstständigen (IGS) oder vom Citymanagement angebotenen Events unterstützt und sich in der Innenstadt präsentiert, wird er deutlich. „Es sollte selbstverständlich sein, dass man an verkaufsoffenen Sonntagen, am Weihnachtsmarkt oder eben bei der Einweihung der sanierten Fußgängerzone teilnimmt. Wer solche Events nicht nutzt, darf später nicht klagen“, nimmt er die Einzelhändler in die Pflicht. Bei der Eröffnung am 29. Juni ist dies wohl nicht der Fall. Besorgniserregend seien die Leerstände. „Hier haben wir die Hoffnung, dass durch die Sanierung die Innenstadt insgesamt für Neuansiedlungen attraktiver wird und sich mittelfristig deutliche Verbesserungen ergeben.“
Puls: Autofreie Innenstadt Eine Innenstadt werde nur dann belebt, wenn sich dort viele Menschen aufhalten. Und dafür brauchen diese einen Anziehungspunkt, erklärt Hendrik Lüdke, Sprecher der Gruppe Puls. Letzteres sei nur der Fall, wenn sie eine gute Aufenthaltsqualität habe. Mit der Sanierung der Fußgängerzone sei die Grundlage geschaffen worden. Allerdings brauche es zudem eine autofreie City sowie eine Neugestaltung des Kelterplatzes mit mehr naturnahem Grün und gegebenenfalls einem Kinderspielplatz. Gute Noten vergibt Lüdke im Bereich Gastronomie. In der Fußgängerzone gebe es auf etwa 200 Metern zwei Eiscafés und drei Cafés. Das sei eine hervorragende Voraussetzung für eine Belebung – zu der aber auch attraktiver Einzelhandel ohne Leerstände gehöre. „Wir müssen in Zusammenarbeit mit Stadt, der Interessengemeinschaft der Selbstständigen (IGS) und dem Citymanagement ermitteln, welche Läden die Marbacher und auswärtige Besucher in die Stadtmitte anziehen, um hier Einkäufe zu erledigen.“ Das könne eine Umfrage sein, aber auch eine Marktanalyse. „Aus meiner Sicht fehlen heute in jedem Fall ein Elektro- und Sportgeschäft sowie beispielsweise ein Demeter-Laden.“ Beim Thema Mieten, die möglicherweise zumindest anfangs zu hoch seien, sei der Einfluss der Stadt beschränkt. Die Verantwortung liege bei den Eigentümern der Gebäude.