Kommunalwahl in Stuttgart Schwitzen zwischen Bundesstraße und Beton

In einem Hinterhof an der Hauptstätter Straße haben Eckart und Katharina die Bodenplatten rausgerissen und lassen stattdessen Wiese und Pflanzen wachsen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wegen der Kessellage und dichten Bebauung wird es im Sommer in Stuttgart besonders heiß. Dagegen hilft nur Grün. Eine Familie zeigt ihre kleine Oase zwischen Autos und Beton.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Als Eckart und Katharina vor 20  Jahren an die Hauptstätter Straße in der Stuttgarter Innenstadt zogen und bei der ersten Eigentümerversammlung teilgenommen haben, erzeugten sie einen Eklat. Das Paar schlug vor, dass etwas mehr Grün im Innenhof des Hauses schön wäre – auf einer Fläche, wo Parkplätze und ein Zaun waren. „Die anderen sagten uns, dass wir nicht in die Stadt ziehen sollten, wenn wir Grün wollen“, erinnert sich Eckart. „Und dass sie die Parkplätze brauchen würden.“ Inzwischen wachsen in dem Innenhof Mohnblumen und Hortensien, am Haus rankt Efeu, es gibt ein kleines Stück Wiese – und keinen Zaun mehr. „Man sieht hier Vögel, Eichhörnchen und Eidechsen“, sagt Katharina.

 

Wie ist das den beiden gelungen? „Ich habe gesagt, dass ich mich kümmere und alle Kosten übernehme“, sagt Eckart. „Das war der Schlüssel.“ Das Paar mit den drei Kindern riss Brombeerranken, Steine und Bodenplatten heraus. Am Ende kam ein Bagger zum Einsatz. Und über die Jahre pflanzte die Familie, die aus beruflichen Gründen ihren Nachnamen nicht veröffentlicht haben möchte, immer mehr auf dem ehemaligen Parkplatz an.

Schallschutzfenster und Pflanzen gegen Lärm und Hitze

Eigentlich gilt die Hauptstätter Straße als Teil der Bundesstraße 14 als kein angenehmer Ort. Sie gehört zu den lautesten Straßen Stuttgarts. Zudem wird es dort im Sommer heißer als am Stadtrand, auch nachts kühlt es manchmal nicht ab. Doch Katharina sagt: „So schlimm haben wir es hier nicht.“ Die Familie hat sich eine kleine Oase geschaffen: mit starken Schallschutzfenstern, begrüntem Innenhof und Balkon. Sie wünschen sich, dass noch mehr Menschen ihrem Beispiel folgen, also: versiegelte Flächen öffnen und Grün anpflanzen.

Die Innenstadt ist durchschnittlich zwei Grad wärmer

Generell werde es allein durch den Höhenunterschied in der Innenstadt im Jahresdurchschnitt knapp zwei Grad wärmer als in den Filderbezirken, sagt Rainer Kapp, Klimatologe bei der Stadt Stuttgart. Durch die dichte Bebauung und nur wenig Grün entstünden zusätzlich „urbane Wärmeinseln“, sagt er. „Es wird versucht, auf der knappen Fläche immer noch mehr zu bauen.“ Dadurch heize sich die Stadt weiter auf. Hitzekarte: Hier kühlt Stuttgart am wenigsten ab Die klassifizierte Thermalkarte zeigt mit einer Farbskala von Blau bis Rot, wie stark sich die Oberfläche der Stadt abkühlt. Blau steht für Kaltluftflächen, Rot für starke Wärmeinseln. Die Karte basiert auf dem Abkühlungsverhalten zwischen Abend und Morgen. Dafür wurde im Auftrag der Stadt mittels Infrarot-Thermografie die Oberflächenstrahlungstemperatur gemessen. Entlang des Neckars und im Kessel staut sich die Hitze zwischen den Häusern, während die Hitzebelastung auf den Fildern oftmals geringer ist. Baumwipfel in den Wäldern am Stadtrand erscheinen auf der Karte von oben teils heiß, auch wenn der Wald am Boden kühl ist. 

Müsste es also mehr Parks geben, damit der Sommer auch in der Innenstadt erträglich bleibt – trotz der Klimaerwärmung?

Laubbäume an Straßen sind realistischer als weitere Parks

Einerseits ja, sagt Kapp, denn auch kleinere Grünflächen kühlten nachts deutlich ab. Es zeige sich aber, dass der Abkühlungseffekt von kleineren Parks kaum auf die Umgebung abstrahle. Zudem weiß Kapp gut, dass die Fläche in Stuttgart so knapp ist, dass weitere Parks unrealistisch sind.

Rainer Kapp ist Klimatologe bei der Stadt Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Deshalb plädiert er für mehr Bäume in bereits bebauten Gebieten – also zum Beispiel entlang von Straßen im Stuttgarter Westen. Dabei seien Laubbäume, die im Winter ihre Blätter verlieren, besser als Nadelbäume: „Im Winter sind wir froh über jedes Licht, das durchkommt“, sagt er. Zudem sei eine Entsiegelung und ein saugfähigerer Boden wichtig, um sich auf eine Zunahme von Extremniederschlägen vorzubereiten.

Manchmal aber offenbaren sich Interessenkonflikte: So hätte Rainer Kapp gerne eine Baumreihe am Wilhelmsplatz gehabt, da dieser zu den Hitze-Hotspots gehört. Doch das Amt für öffentliche Ordnung widersprach: Das ginge nicht wegen der Veranstaltungen, die dort stattfinden.

„Von South Bronx zur Nesenbachaue“, sagt Eckart

Katharina und Eckart sagen unterdessen, dass sie jeden Sommer dankbar seien, dass vor vielen Jahrzehnten jemand einen Kastanienbaum vor ihrem Haus gepflanzt hat, sagen sie. Der inzwischen riesige Baum beschattet ihren Balkon und hält etwas Lärm ab. Eckart findet, dass ihr Zuhause eine sehr positive Entwicklung hingelegt habe, seitdem sie vor 20 Jahren eingezogen sind: „Von South Bronx zur Nesenbachaue“, scherzt er.

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