Kommunalwahl in Stuttgart Wie familienfreundlich ist die Stadt?

Viele und gut ausgebaute Spielflächen wie hier im Rosensteinpark – das wünschen sich viele Eltern. Daneben aber vor allem eines: Kita-Plätze. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Freizeitmöglichkeiten, kostenlose Kurse und Treffs für Eltern und Kinder – das gibt es reichlich in Stuttgart. Aber reicht das, um familienfreundlich zu sein? Was gehört noch dazu? Zwei Expertinnen geben eine Einschätzung.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Um Stuttgarts Familienfreundlichkeit zu bewerten, setzt Katja Flohrer auf die Schwarmintelligenz ihrer Follower: „Verratet mir, was ihr in Stuttgart super kinderfreundlich findet? Und was so gar nicht?“, fragte die Mutter und Bloggerin die 36000 Menschen, die ihr auf Instagram folgen, und brachte die häufigsten Antworten zum Gespräch mit unserer Zeitung mit:

 

Als gut werden die „vielen neuen Spielplätze“ in der Stadt, die „tollen Parks“ und die Familienzentren bewertet. Was fehlt: Kita-Plätze, eine bessere Radinfrastruktur, Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr sowie ein großer Spielplatz in der Innenstadt.

Überrascht, wie viel es gibt

Tatsächlich deckt sich diese Liste mit Katja Flohrers Eindrücken. Die 43-jährige Mutter zweier Söhne (5 und 8 Jahre alt) lebt seit 13 Jahren in Stuttgart. Seit zweieinhalb Jahren gibt sie auf www.raus-mit-uns.de Freizeittipps für die Stadt und Region und hat damit eine Marktlücke gefunden. „Was man mit Kindern unternehmen kann, ist ein großes Thema für Eltern. Sie schätzen, dass ich das für sie bündele und meine eigenen Erfahrungen damit weiter gebe“, sagt Flohrer.

Als sie ihre Seite startete, war sie selbst überrascht, wie vielfältig das Angebot für Eltern und Kinder in Stuttgart ist. Gerade Spielplätze seien einige neue entstanden: Waldspielplätze, der Dinospielplatz im Rosensteinpark oder – ganz neu – der Spielplatz am Teehaus im Weißenburgpark. Vor allem schätzt Flohrer die vielen kostenlosen Angebote. Sei es in den Stadtteil- und Familienzentren wie dem Ekiz im Westen, dem Müze in Süd oder dem Gaisenhaus in Ost, die unter anderem Kurse und Spielmöglichkeiten anbieten. Oder in den Jugendfarmen, auf Abenteuerspielplätzen und in öffentlichen Museen wie dem Stadtpalais, das im Untergeschoss die so genannte Kinderbaustelle eingerichtet hat. „Vor allem die Familienzentren sind für Familien in kleinen Stadtwohnungen wie ein zweites Wohnzimmer“, sagt Flohrer.

Katja Flohrer findet, dass Stuttgart viele kostenlose Freizeitangebote hat. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Wie bestimmt man die Familienfreundlichkeit einer Stadt? Das ist schon deshalb nicht leicht zu beantwortet, weil Familien keine homogene Gruppe sind und sich ihre Bedürfnisse teils mit denen anderer Bevölkerungsgruppen decken. So spielt das Thema bezahlbarer Wohnraum ebenso in die Familienfreundlichkeit einer Stadt hinein, wie ein günstiger und gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr, eine flächendeckende Radinfrastruktur, die Themen Sauberkeit, Sicherheit und eine gute Nahversorgung in den Stadtvierteln.

„Kita-Misere überlagert alles“

Spricht man mit Familien oder jenen, die viel mit ihnen zu tun haben, bemisst sich Familienfreundlichkeit derzeit vor allem an der schwierigen Betreuungssituation in Kitas und teils auch Grundschulen. „Die Kita-Misere überlagert in der Wahrnehmung vieler Eltern, was die Stadt alles für Familien tut“, sagte vergangenes Jahr Barbara Bansbach vom Familienzentrum Müze im Interview mit unserer Zeitung.

Wie alle Kommunen leidet auch Stuttgart unter der Personalnot in diesem Sektor. Kitas schließen häufig stunden- oder tageweise. Tausende Kinder stehen dazu auf der Warteliste, allein mindestens 700, die vier Jahre und älter sind.

Um aus dem bestehenden Angebot mehr Plätze zu schaffen und die Betreuungszeiten stabiler zu halten, strukturiert das Jugendamt sein Kitaangebot um. In den Krippen, die Kinder bis drei Jahre betreuen, soll das flächendeckende Ganztagsangebot reduziert werden, von derzeit 90 auf 60 Prozent. Der Rest sollen Angebote mit sechs und sieben Stunden Betreuungszeit täglich sein.

Eltern sind kritisch

Begleitet wird der Prozess von kritischen Stimmen aus der Elternschaft, die befürchten, dass zukünftig nicht mehr alle Familien, die dies brauchen, einen Ganztagsplatz bekommen werden – mit finanziellen Folgen für sie, wenn sie Arbeitszeiten reduzieren müssen. Aber auch für Unternehmen, denen ohnehin Fachkräfte fehlen. Die Stadt hingegen geht davon aus, dass sie den Bedarf der Eltern weiterhin decken kann.

Kitaplätze – das sei auch für die Familien, die sie und ihr Team betreuen, ein drängendes Problem, sagt Noudjal Boulo. Sie ist Bereichsleiterin Hilfen zur Erziehung bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva). Erst kürzlich hätten sie wieder den Fall eines Siebenjährigen gehabt, der noch nie eine Kita besuchte. „Gerade Familien, die nicht wissen, wie sie die Kinder satt bekommen, haben oft keinen Kopf oder die Zeit, sich um einen Betreuungsplatz zu bemühen“, sagt Noudjal Boulo. Manchmal reichten auch die Deutschkenntnisse nicht aus.

Noudjal Boulo weiß, was Familien mit Problemen brauchen. Foto: privat/privat

Noudjal Boulo und ihre Kollegen betreuen Familien in schwierigen Lagen. Teilweise sind deren Kinder kurz oder langfristig in Wohngruppen untergebracht, teils suchen die Eva-Mitarbeiter die Familien daheim auf und helfen im Alltag und bei Erziehungsfragen. Auch die Fürsorgeunterkunft in Stuttgart-Freiberg gehört zu ihrem Bereich.

Das Hilfe-System für Familien, in dem Jugendamt sowie kirchliche und private Träger eng in den Stadtteilen zusammenarbeiten, bewertet Noudjal Boulo als „gutes Netz“. Dass das Jugendamt nach der Geburt eines Kindes jeder Familie ein Besuchsangebot macht, bei dem die Mitarbeiter erklären, was es für Angebote und Anlaufstellen gibt, hält sie für sinnvoll. Auch die Bonuscard, die Familien mit wenig Geld Vergünstigungen und teils kostenlose Freizeitangebote und Kitaplätze bringt, sei im Vergleich mit anderen Kreisen eine „super Sache“.

Dennoch könnte die Stadt noch mehr tun, sagt Noudjal Boulo. Bezahlbarer Wohnraum und kostenlose Essensangebote – das seien für Familien Themen, sagt sie. Schwierig sei auch, eine kostenlose Ferienbetreuung zu finden, da längst nicht alle Grundschulen eine solche anbieten würden. Außerdem bräuchten Kinder mit Behinderung ein flächendeckendes Ganztagesangebot, findet Boulo. Und Familien müssten noch besser über Angebote informiert werden: „Es gibt sehr viele kostenlose Freizeitmöglichkeiten in der Stadt. Aber die Menschen müssen davon erst mal erfahren.“

Eltern zu zeigen, was sie alles wahrnehmen können – nennt deshalb auch Katja Flohrer als eines ihrer Ziele. Neben viel Lob für Stuttgarts Familienfreundlichkeit, nennt aber auch sie Schwachpunkte: unter anderem die häufig kaputten und engen Aufzüge in den Stadtbahnstationen, die fehlenden Radwege, die hohen Mietpreise und dass nur wenige Spielplätze für Kinder mit Behinderung geeignet sind. Und – ja – auch Katja Flohrer kennt das Kita-Problem. Morgen beispielsweise geht die Einrichtung ihres jüngeren Sohnes mal wieder in den Notbetrieb.

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