Waiblingen/Hohenheim - Corona hat nicht nur viele Themen von der politischen Agenda verdrängt, meint der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Auch in die Art des Wahlkampfs und die Wahl selbst wirke das Virus hinein.
Herr Brettschneider, die Coronapandemie hat in zahlreiche Lebensbereiche eingegriffen. Was sind aus Sicht eines Kommunikationswissenschaftlers die massivsten Einschnitte?
Aus Kommunikationssicht sind vor allem zwei Aspekte zu nennen: Erstens die Kontaktbeschränkungen. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir treffen uns gerne mit anderen. Und genau das ging nun nicht mehr oder nur eingeschränkt. Die Beschränkungen waren für Jugendliche hart, die sich nicht mehr in ihrer Clique treffen konnten. Und sie waren für Senioren hart, die nicht mehr von ihren Kindern oder Enkeln besucht werden konnten. Zweitens ist die große Ungewissheit zu nennen, die vor allem die Anfangsphase der Pandemie geprägt hat. Wir wussten einfach nur sehr wenig. Dem wenigen Wissen stand aber ein sehr großes Informationsbedürfnis gegenüber. Mit dieser Kluft umzugehen hat uns allen viel abverlangt. Nicht alle Menschen können mit solchen Ungewissheiten oder unsicheren Situationen gleich gut umgehen. Manche flüchten sich auch in sehr einfache Antworten oder fallen auf Fake News herein.
Der Landtagswahlkampf und die Wahl selbst haben im Lockdown stattgefunden – wie hat das Ihrer Meinung nach die Wahl beeinflusst?
Das hat die Wahl in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Erstens: viele Wähler haben die Parteien und Kandidaten anhand ihrer wahrgenommenen Kompetenz im Corona-Management bewertet. Zweitens: die Amtsinhaber waren sichtbarer und haben davon profitiert. Drittens: Corona hat andere Themen von der politischen Agenda verdrängt – etwa den Klimawandel. Viertens: der Wahlkampf wurde anders geführt. Es gab weniger persönliche Kontakte. Stattdessen haben digitale Formate und Social Media etwas an Bedeutung gewonnen. Fünftens: aus dem Wahltag wurden Wahlwochen. Sehr viele Menschen haben per Briefwahl gewählt, und das schon viele Tage vor dem Wahlsonntag.
Wird dies bei der Bundestagswahl im Herbst ähnlich sein?
Teils teils. Das Corona-Management wird auch bei der Bundestagswahl ein wichtiges Thema sein. Ebenso wie die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Daneben wird aber auch das Thema Klimaschutz wieder sichtbarer. Der Wahlkampf wird digitaler sein als sonst, aber auch mehr persönliche Treffen enthalten als die Landtagswahlen im März. Und der Anteil der Briefwähler dürfte auch bei der Bundestagswahl deutlich größer sein als vor vier Jahren.
Was wird in Bezug auf Wahlen und die Kommunikation zwischen Kandidaten und Wählern voraussichtlich bleiben, auch wenn das Virus medizinisch erfolgreich bekämpft sein sollte?
Die digitalen Wahlkampfelemente werden bleiben und weiterentwickelt werden. Sie ersetzen nicht den traditionellen Wahlkampf, aber sie ergänzen ihn. Dazu zählen Streaming-Formate von Wahlveranstaltungen ebenso wie Social-Media-Kanäle. Hier gibt es übrigens deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Die jüngeren Wählerinnen und Wähler nutzen Social Media nicht nur häufiger als die älteren, sondern sie nutzen auch andere Kanäle – vor allem Youtube und Instagram. Die mittleren Altersgruppen nutzen hingegen immer noch Facebook. Durch die digitalen Formate kann der Kontakt zwischen Wählern und Gewählten auch etwas unmittelbarer werden. Entscheidend ist aber: die über die Kanäle verbreiteten Inhalte sind wichtiger als der Kanal selbst.